Während Dubai mit gigantischen Bauvorhaben den Massentourismus anheizt, müssen eine halbe Autostunde entfernt, im konservativen Emirat Schardscha, Hochhäuser der Kultur weichen.

Dubai ist das Emirat der Superlative

Zwischen zwei- und dreihundert Wolkenkratzer schießen in Dubai in die Höhe. Ihre Zahl ist schwer zu überblicken, denn die Stadt ist eine ewige Baustelle. In ihrer Mitte ragt der "Burj Khalifa" in die Höhe - das höchste Bauwerk des Planeten und ein 828 Meter-Ausrufezeichen hinter dem Willen des Herrscherclans, ihre Stadt zum Ort der Superlative zu verwandeln.

Nur eine knappe Autostunde entfernt hingegen wird vollkommen anders gedacht, think small sozusagen.

Schardscha und die Rückbesinnung auf alte Werte

Hier, im Nachbaremirat Schardscha, wird nicht hoch- sondern zurückgebaut. Im historischen Zentrum der Stadt werden sogar Hochhäuser abgerissen, um der traditionellen Architektur wieder Raum zu geben. Statt zweihundert sollen hier maximal zwei Stockwerke aus Lehm und Korallenstein erlaubt sein.

"Dazu legen wir alte Fundamente wieder frei und orientieren uns an den historischen Grundrissen", sagt Majid Al Suwaidi von der staatlichen Handels- und Tourismusbehörde. Das ganze Areal, "Heart of Sharjah" genannt, soll etwa 35 000 m2 groß werden und laut Masterplan in zehn Jahren fertig sein. Insgesamt soll eine auch auf Nachfrage nicht genannte, hohe Millionensumme in die Wiederherstellung der baulichen Vergangenheit investiert werden.

"Das ist ein Teil unserer Bemühungen, unsere arabische Identität zu erhalten und diese mit Gästen aus aller Welt zu teilen", erklärt Al Suwaidi. Der freundliche, heitere 30-jährige selbst kleidet sich, wie fast alle Einheimischen, ebenfalls traditionell: Ein weites weißes Gewand bis zum Knöchel, die dishdasha, und ein um den Kopf gewickeltes weiß-rotes Palästinensertuch.

In Schardscha setzt Sultan bin Mohammad Al Qasim auf Tradition statt Massentourismus

Während in Dubai konsequent auf Massentourismus gesetzt wird, verfolgt der Scheich von Schardscha, Dr. Sultan bin Mohammad Al Qasimi, einen anderen Ansatz. Kultur und Tradition werden hier als Wert an sich geschätzt und dank der Einnahmen aus Gas, Öl und Industriegütern großzügig gefördert.

Davon profitiert hat zuvorderst das im Mittleren Osten einzigartige "Museum für islamische Zivilisation", gelegen im alten Herzen der Stadt. In einem aufwändig restaurierten, ehemaligen Souk werden hier modern und stilvoll zugleich zahlreiche Exponate aus der Glanzzeit der islamischen Geschichte präsentiert. Dazu gehören eine große Sammlung historischer Navigationsinstrumente und Messgeräte aus Schifffahrt, Mathematik und Astronomie.

Schardscha die Kulturhauptstadt der islamischen Welt

Prunkvoll verzierte Korane und Kartenmaterial sowie naturwissenschaftliche Versuchsanordnungen rufen ins Gedächtnis, dass die "Weisen aus dem Morgenland" aus der biblischen Weihnachtsgeschichte keine bloße Metapher waren.

Der langfristige Fokus der Herrscherfamilie auf kultureller Bildung und die eher symbolischen Eintrittspreise für diese Einrichtungen bescherten Schardscha im vergangenen Jahr den Titel "Kulturhauptstadt der islamischen Welt 2014".

Es entsteht etwas in Schardscha, auch wenn dieses Etwas noch nicht recht zu greifen ist. Durch die Duftkaskaden von Kardamom, Kurkuma und Süßholz mischt sich im museumsnahen Souk der Geruch von Zement und Staub.

Von einer Kulturmetropole, das ist überall spürbar, ist das Emirat noch meilenweit entfernt. Selbst die Petrodollars können Jahrhunderte an stadtkultureller Entwicklung nicht aufwiegen. #Naher Osten