Brrrrrrrrrrram: Wenige Zentimeter rechts von meiner hastig eingezogenen Schulter braust das motorino mit einem Höllentempo vorbei. Die enge Gasse liegt in der Fußgängerzone und selbst ein Fiat 500 passt nicht durch. Hier ist das völlig normal und nach einigen Minuten tritt ein das Adrenalin hemmender Gewöhnungseffekt ein. Die quartieri spagnoli (spanische Viertel) repräsentieren das wahre Neapel: Ein Gewirr von engen Gässchen, Kopfsteinpflaster, viele kleine Läden und hoch über unseren Köpfen trocknet die Wäsche auf beinahe künstlerisch angebrachten Wäscheleinen. Eine Farbe dominiert hier unübersehbar: Azurblau. Und das hat einen einfachen Grund: "Azzurri" werden die Fußballer der SSC Napoli genannt. Und die genießen hier Kultstatus. So ist es auch zu erklären, warum eine kleine Auto-Werkstatt über und über mit Zeitungsartikeln jener Fußballmannschaft voll gepflastert ist, die 1987 als erste süditalienische Auswahl den scudetto (Meistertitel) in der Serie A geholt hat.

Pizza essen wie Maradona

Ein Name wird stets mit den großen Erfolgen Ende der 80er Jahre, so gewann Napoli 1989 auch den UEFA-Pokal, in Verbindung gebracht: Diego Armando Maradona. Der ehemals teuerste Kicker der Welt führte die azzurri in ungeahnte Höhen und wird bis heute wie ein Heiliger verehrt. Auf den Spuren des argentinischen Ausnahmefußballers kann man heute auch noch kulinarisch wandeln. Maradona pflegte seine Pizza Marinara (Tomaten, Knoblauch, Olivenöl, Oregano) in der Pizzeria Da Michele (Altstadt, Via Sersale 1) einzunehmen. Der Mann hatte Geschmack. Da die Pizzen auch heute noch zu den besten der Stadt gehören, sind Warteschlangen vor dem Lokal keine Seltenheit. Schließlich bürgt man hier genauso wie in den rund 500 Pizzerien Neapels nicht nur für Qualität, sondern auch für Tradition. Jedermann weiß, dass die Pizza in Neapel erfunden worden ist. Falls man daran zweifeln sollte, ist eine Diskussion mit einem Neapolitaner keinesfalls zu empfehlen. Gesättigt starten wir unseren Rundgang im "centro storico" (Altstadt). Imposante Kirchen, Prachtstraßen und jede Menge beeindruckende Bauten. Bei so vielen Sehenswürdigkeiten neigen die Augen zum Schielen. Zwischen Duomo di San Gennaro, Via Benedetto Croce und Museo delle Scienze Naturali (Naturwissenschaftliches Museum) blitzt es immer wieder blau hervor. Eine Napoli-Fahne hier, ein Napoli-Graffiti dort: Die Fußballbegeisterung macht auch vor dem touristischsten Viertel der Stadt nicht Halt. Bei einem caffé (Espresso) verschnaufen wir kurz von dem langen Erkundungsgang. Die "Bar Nilo" unweit des Doms ist ein besonderes Schmankerl. Vor dem Eingang hängt ein Maradona-Schrein. Dieser wartet mit einer Ampulle mit Tränen der ehemaligen Nummer zehn sowie einem Haar des bekanntesten Napoli - Kickers auf. Ein bisschen Aberglaube schadet schließlich niemandem…

Dezibelalarm im Stadion des SSC Neapel

Wer die Begeisterungsfähigkeit der Neapolitaner in vollem Ausmaß erleben möchte, pilgert zu einem Fußballspiel des SSC Napoli ins Stadion. Das "San Paolo" im Stadtteil "Fuorigrotta" fasst offiziell 60.000 Zuseher und ist die drittgrößte Fußballarena Italiens. Zu Zeiten Maradonas waren bis zu 100.000 tifosi (Fans) im Stadion. Je näher man dem San Paolo kommt, desto bestimmender wird die Farbe azurblau. Bei den zahllosen Fanständen gibt es vom Schal um fünf Euro bis zum offiziellen Trikot um 70 Euro alles zu erwerben. Zigtausende tifosi tummeln sich vor dem ehemaligen Olympiastadion. Tickets sind schon um zehn Euro zu haben. Rein ins Stadion und die Ohren kommen sich vor wie bei einem AC/DC-Konzert: Eine unglaubliche Stimmung, alles steht auf den Sitzplätzen, die Gesänge verstummen während der gesamten 90 Spielminuten nicht. Als österreichischer Fußballfan schwankt die Stimmungslage zwischen Unglauben und Wehmut, diesen Gefühlssturm in der heimischen Liga niemals zu erleben. Ein letztes "Forza Napoli" ertönt durch das weite Rund und zufrieden strömen die Neapolitaner aus dem Stadion. Schließlich haben die azzurri gewonnen, und das ganz ohne Maradona. #Fußball