Reise-Blog3: Teneriffa, 08.11.16

Ich denke, hier müssen wir mal angeln und verwerfe diesen Gedanken sofort wieder, da ich eigentlich keine Lust habe, dem Jungen zu zeigen, wie man Fische angelt, tötet, ausnimmt und zubereitet. Das Meer hat sich plötzlich beruhigt, jedenfalls sind im Moment keine Wellen zu sehen. Die beiden jungen Frauen treiben an Ufernähe auf den Rücken, so dass nur ihre Gesichter und Brüste aus dem Wasser schauen. Ich schiebe mir die Taucherbrille in die Stirn, wate aus dem Wasser zum Strand, während ich den Jungen beobachte, der sehnsüchtig auf Wellen wartet. Ich hocke mich neben die Decke, greife mir meine Sonnenbrille, setze sie mir auf, schaue eine Weile aufs Wasser, das wieder zu toben anfängt, denke, wie schön das ich gesund bin, danke du wunderbare Welt, dass ich gerade hier sein darf.

Ja, im Ernst, danke. Ich wünsche mir, dass ich weiterhin viele gute Momente haben werde, wach und aufmerksam bin und mir nicht irgendwelche blöden Missgeschicke passieren, die ich dann ein Leben lang bereuen werde. Ja, das wünsche ich mir, und eigentlich allen. Auch dir, Junge, natürlich, dir besonders. Es ist schön, dass es bisher so gut mit uns geklappt hat. Ich schlage die Augen nieder und verbeuge mich insgeheim, blicke auf, dem Jungen geht es gut, er hat seinen Spaß, das ist gut. Ich nehme mir den Roman von Harold Pinter. Seit gestern weiß ich, dass er im Jahre zweitausendfünf oder -sechs den Nobelpreis für Literatur bekommen hat. Das Buch besteht fast ausschließlich mehr oder weniger aus gewollt mehrdeutigen philosophischen Dialogen zwischen einem Dozenten für Literatur, seiner unterwürfigen Freundin, einem Schauspieler, dem alles egal ist und einem guten Freund von ihnen, der ihnen misstraut.

Ist das dein Junge?, sagt einer auf Englisch in das Buch hinein, und zeigt den Strand hinunter.

Ich springe auf, sehe, wie der muskulöse Mann in der Badehose den Jungen stützt, der weint und nicht mehr von der Felswand wegkommt. Ich renne so schnell ich kann zu ihnen, schräg hinter ihnen baut sich das Wasser auf. Ich stütze den Jungen und schaue ihm in die Augen. Wir schaffen das. Der Mann hat nun auch die große Welle gesehen, wir blicken einander besorgt an und er sagt etwas auf Spanisch, das ich nicht verstehe. Noch könnte er vor der Welle fliehen, die uns mit großer Wahrscheinlichkeit gegen die Felswand schleudern wird, aus der scharfe Kanten ragen wie Dolche. Alleine werde ich den Jungen nicht festhalten können.

Halt dich gut an uns fest, sage ich zu dem Jungen.

Die Welle hat alles Wasser angesaugt, sodass wir fast im Trockenen stehen und überragt uns um mindestens einen Meter und im nächsten Moment kracht die Wand aus Wasser da nieder, schäumt auf uns zu, und wir stemmen uns mit allem, was wir haben, dagegen. Sie donnert auf Brusthöhe gegen unsere Leiber, die der Kraft des Wassers wie durch ein Wunder widerstehen. Dann ziehen der Spanier und ich den Jungen, der am ganzen Körper zittert, von der Felswand weg in Sicherheit. Der Spanier geht zu seiner Frau und seinem Schäferhund zurück. Ich untersuche den Jungen, der schluchzt, dass das Wasser ihn abgetrieben, ohne dass er es gemerkt und er viel Salzwasser geschluckt habe, irgendwann keine Kraft mehr hatte und plötzlich mit dem Kopf gegen einen Fels geschlagen ist. Er hat eine riesige Beule am Hinterkopf und diverse Schürfwunden am Rücken, am Bauch, den Armen und Händen. Ich nehme ihn in den Arm, er weint doller.

Ist dir schlecht?

Nein, nur ein bisschen.

Hier trink Wasser.

Danke.

Ist dir schwindelig?

Nein.

Gut. Weißt du, was gerade passiert ist?

Er schaut mich ungläubig an.

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