Die verdammte Lanze von dem Sonnenschirm, der völlig unerwartet von rechts angeweht kam, während ich am Strand saß und aufs Meer blickte, ist zwei Zentimeter an meinem rechten Auge vorbeigeschrammt. Um ein Haar wäre der "Mann ohne Gewehr" (Titel für den übernächsten Roman von mir) zum Mann mit Sonnenschirm im Kopf geworden. Nach dem Schreck bin ich erst mal im ungewöhnlich warmen Atlantik schwimmen gegangen. Was für eine Wohltat ist mir der Ozean, an und in ihm fühle ich mich wohl - glaube ich, jedenfalls beruhigt er mich und bietet Spaß, wenn ich mich auf ihn einlasse. Die Fragen, die mich seit vielen Jahren bewegen, bleiben immer die Selben - macht all das Fragen, Forschen, Suchen Sinn oder ist es Zeit- und Energieverschwendung, ist es möglich, sich freier und mehr mit der Welt verbundenen zu fühlen, die manchmal ziemlich lieblos und nervtötend daherkommt, welches sind meine Ängste, weiß ich das wirklich und biete ich ihnen ausreichend die Stirn? Warum habe ich diese und jene stressigen Gedanken? Wohin mit meinen Sehnsüchten, meiner Lust, meinem Schmerz? Hat sie mich wirklich geliebt, und wenn ja, warum wurde sie mir gegenüber immer misstrauischer und liebloser? Warum ließ sie sich manchmal so gehen, warum machte sie so lange diesen unglücklich machenden Job, warum nur immer diese Rückenschmerzen, warum wurde sie immer mehr zur Couchglucke mit Laptop auf dem Schoss? War sie mir treu, war sie ehrlich und aufrichtig - war ich es ausreichend? Warum hat sie mir auf so ekelige Weise ihren neuen Mitbewohner und Freund präsentiert? Kannte sie diesen Oberlippenbart-pseudo-Hippie-Heimwerker-möchtegern-Maler-Freak schon länger oder hat sie ihn erst kennengelernt, nachdem ich sie verlassen hatte? Warum schreibe ich Reise-Blogs? Wessen Kind bin ich? Wie komme ich aus dieser Nummer wieder raus?

Die einen sagen, wir müssen das Denken verstehen, kontrollieren, beherrschen und uns in regelmäßiger Stille üben, weil sonst laufen wir Gefahr, uns allzu sehr mit unseren Gedanken zu identifizieren, die wir nicht sind, sondern einfach haben, und die uns früher oder später in die Irre treiben werden. Andere behaupten, das Denken, Fühlen und Tun macht den Menschen aus und ist ein und die selbe Bewegung, die nicht kontrolliert, sondern lediglich beobachtet gehört. Wieder welche meinen, der Mensch ist zu Fleisch gewordenes Bewusstsein. Was auch immer wir da sind, jede Sekunde unseres Seins liegt in unserer Verantwortung. Wir sind es, die etwas sSannendes erleben oder auch nicht, die reden oder schweigen, die sich und andere belügen, und die die Wahrheit nicht kennen, nicht kennen können, weil es keine Wahrheit gibt. Es existiert aus meiner Sicht kein natürliches Bewusstsein, keine Buddha-Natur, kein Ich, keinen Geist, keine Seele, keinen Gott, das sind alles weitere Trugschlüsse des Verstandes, der sich gerne in Sicherheit wägt. Meiner Ansicht nach sind wir lediglich die, die samt des Rattenschwanzes im gegenwärtigen Moment etwas bewusst und unbewusst erleben. Über den bewussten Teil unseres Seins können wir eine Aussage treffen – über den unbewussten können wir nur spekulieren. Es bleibt also weiter spannend.

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