In den Jahren nach der Jahrtausendwende hörte die Hoffnung der Borussia aus Mönchengladbach auf den Namen Thomas Broich. Aus Burghausen verpflichtet galt der zentrale Mittelfeldmann als eines der größten Talente im deutschen Fußball. Er könne es zu einem großen Spieler bringen in Europas Top-Ligen, so die einhellige Meinung in Liga und Medien. Letztendlich konnte der begabte Stratege den enormen Erwartungen nie vollkommen gerecht werden – zumindest nicht in Deutschland. Es ist die Geschichte des etwas anderen Sommermärchens:

Thomas Broich war und ist ein Virtuose. Nicht nur am Ball, sondern auch in der Art seines Denkens und Handelns. Selten wich ein Fußballer so dermaßen von der Normvorstellung ab wie der gebürtige Münchner. Als er 2003 die Bühne des Profifußballs betrat, schusterte man ihm die Rolle des Philosophen zu, der zufällig auch noch verdammt gut kicken konnte; „Mozart mit der Kugel“ taufte ihn der Boulevard.

Dem unerfahrenen Jüngling schien der Hype um seine Person zu gefallen. Er kokettierte mit dem Image des Andersartigen, wie Broich dem „Focus“ rückblickend verriet: „Es hat mir geschmeichelt, deshalb bin ich in diese Falle getappt. Ich war sehr eitel, ich habe mich berufen gefühlt, irgendwelche Standpunkte zu vertreten. Ich fand es toll, verschachtelte Sätze zu bauen. Ich dachte, ich könnte den Fußball auf meine Art revolutionieren…“

Für diese Haltung wurde Broich erst geachtet, dann geächtet. Er eckte an. Mit seinem belesenen und eloquenten Auftreten gab er sich gerne übertrieben intellektuell und irritierte damit viele Kollegen, wie er weiterführend beschreibt:

…dieses Verhalten wurde zu einem Nachteil. Ich habe aus dem Auge verloren, dass ich in erster Linie Fußballer bin. Dadurch habe ich mich isoliert.“

Als Thomas Broich das einsah, steckte er bereits zu fest im Korsett des kickenden Freigeists. Letztlich schaffte er es weder in Gladbach, noch in Köln oder Nürnberg, zu einem festen Bestandteil des Teams zu werden und sein stets unbestrittenes Talent auf den Platz zu bringen. Zu der Isolation, die er beschreibt, gesellten sich zunehmend depressive Züge, die ihm den Spaß am Fußball raubten. Nach wieder einmal enttäuschenden Wochen in Nürnberg zog der damals 29-Jährige schließlich die Reißleine. Von Flucht sprachen die einen, andere von neuer Perspektive. Wichtig ist, was es für Thomas Broich war: Eine zweite Chance.

Neuer Club. Neues Land. Neuer Kontinent. Kein lähmender Druck. Keine überhöhten Erwartungen. Und am wichtigsten für Broich: Kein brandmarkendes Image. Als relativ unbeschriebenes Blatt trat der Deutsche 2010 eine Reise ins Unbekannte an, genauer gesagt zu Brisbane Roar in die australische A-League. In der Metropole nahe der Goldküste war man stolz auf die Verpflichtung eines Bundesligaspielers, weshalb Broich zwar ohne ausufernden Ruf anreiste, sehr wohl jedoch mit einer ordentlichen Portion Vorschusslorbeeren im Gepäck. Doch anders als zu Beginn seiner Karriere gelang es dem Strategen in Brisbane glücklicherweise, diese auch zu rechtfertigen.

Der Spielmacher entwickelte sich im australischen Nordosten auf Anhieb zu einem geschätzten Teamkollegen und in der Folge auch zum Führungsspieler. Im Mittelfeld der „Brissies“ konnte Broich endlich sein Potential abrufen und überzeugt konstant mit herausragenden Leistungen. Seit mittlerweile fünf Jahren ist er der Dirigent eines Teams, das aufgrund seiner Kombinationsstärke auch als der „FC Barcelona Australiens“ bezeichnet wird. Drei nationale Meisterschaften konnte Brisbane Roar in dieser Zeit bereits feiern, Broichs Anteil am Erfolg ist immens. Die Aussies liegen ihm daher zu Füßen; Für sie ist er nicht der „Mozart mit der Kugel“, er ist der „German Maestro“.

Trotz der inhaltlichen Nähe der Spitznamen könnten die Unterschiede in der Wertschätzung größer nicht sein. In seiner Heimat musste der Kreativspieler - zumindest über lange Zeit - als ein Paradebeispiel für das berühmtberüchtigte „gescheiterte Talent“ hinhalten. In Australien hingegen gilt er als schillerndster Repräsentant der jungen aufstrebenden Liga. Down Under ist Thomas Broich Held und Vorbild. Mehr noch: Er ist der beste von allen! Hierzu nämlich wählten ihn die Fans im vergangen Jahr, sodass er sich nun offiziell „bester Spieler des Jahrzehnts“ in der australischen A-League nennen darf. Dies ist der vorläufige Höhepunkt einer beispiellosen Karriere.

Wer hoch fliegt, kann tief fallen; kaum einem Akteur wurde diese Lektion härter erteilt als dem Dostojewski lesenden Thomas Broich. Der raue Männerspielplatz Bundesliga beförderte den einst hochgelobten Hoffnungsträger heraus der Traumschaukel auf den harten Boden, und zwar äußerst unsanft. Umso schöner ist es, dass Broich in der zweiten Phase seiner Karriere selbst zu seinem Lehrmeister wurde und eine eigene Weisheit schuf: Wer tief fällt, fliegt höher.

Zuletzt ist der Höhenflug in Brisbane etwas ins Stocken geraten. Ohne den lange verletzten Maestro setzte es für Top-Favorit Roar bislang ungewohnt viele Niederlagen, sodass das Team derzeit nicht auf einem Playoff-Platz steht. Mit der Rückkehr des Kapitäns jedoch vor einer Woche kehrte der Erfolg umgehend zurück. 3:2 besiegte man die unangenehme Truppe aus Wellington; Broich befand sich mit zwei unnachahmlichen Torvorlagen direkt wieder im Zentrum des Geschehens. Er ist und bleibt eben ein Virtuose.

Vom gefeierten Querdenker zum gefallenen Melancholiker zur verehrten Legende. Phoenix aus der Asche. „Der beste Nationalspieler, den Deutschland nie hatte.“(Deutschlandradio Kultur)

Die außergewöhnliche Geschichte von Thomas Broich wurde von Aljoscha Pause, der den Profi über acht Jahre hinweg begleitete, mit der preisgekrönten Dokumentation „Tom Meets Zizou – kein Sommermärchen“ eindrucksvoll verfilmt. #Sport