Am kommenden Mittwoch trifft der FC Bayern München im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League auf den ukrainischen Vertreter Shakhtar Donezk, einen Verein im Ausnahmezustand: Die Stadt befindet sich inmitten der krisengeschüttelten Ostukraine, dem Epizentrum des Bürgerkrieges und ist damit Schauplatz grausamer Auseinandersetzungen. An Fußball denkt daher außerhalb der Kabine niemand. Der Club kämpft gegen eine Krise, für der nicht verantwortlich ist und musste zum Schutz der Spieler drastische Maßnahmen ergreifen.

Seit der Jahrtausendwende ist Shakhtar Donezk gewissermaßen der FC Bayern München der Ukraine. Nachdem der milliardenschwere Oligarch Rinat Achmetow 1996 die Präsidentschaft des Clubs übernahm, entwickelte sich der Verein peu a peu zum Nonplusultra und Aushängeschild des ukrainischen Fußballs und dominierte die nationale Liga zuletzt mit vier Meisterschaften in Folge. Mittlerweile kann das Team auch im europaweiten Vergleich mithalten, erreicht regelmäßig die K.O-Phase der Königsklasse und gewann 2009 hochverdient die Europa League. Besondere internationale Achtung genießt zudem das Donezker Scouting-Netzwerk in Südamerika, das den Club im Akkord mit erstklassigen Talenten füttert. Fast jährlich wechseln dadurch hochveranlagte Jungspieler, vor allem Brasilianer, in die Ostukraine, um über Shakhtar den Sprung in die europäischen Top-Ligen zu schaffen. Zuletzt gelang dies dem Offensivmann Willian, der mittlerweile beim FC Chelsea seine Brötchen verdient und in Donezk zum Weltklassespieler reifte. Um solche Entwicklungen möglich zu machen, griff Achmetow tief die Tasche. Die Infrastrukturen bei Schachtar sind – auch unter westeuropäischen Standards – hervorragend, vom Sportgelände über den Trainerstab bis hin zur Jugendakademie. Es wundert daher nicht, dass der ehrgeizige Verein nationaler Serienmeister ist und der nationalen Konkurrenz strukturell und konzeptionell um Längen voraus ist.

Diese Überlegenheit rückte in dieser Saison jedoch weit in den Hintergrund. Denn buchstäblich vor der eigenen Haustüre toben die grausamsten Aufstände auf europäischem Terrain seit dem bosnischen Bürgerkrieg in den Neunzigern. Die Metropole Donezk in der Ostukraine gehört zu den am schwersten betroffenen Großstädten, weshalb dort an Fußball momentan nicht zu denken ist. Shaktar sah sich daher gezwungen, die „Heimspiele“ im mehr als 1000 km entfernten Lwiw, ehemals Lemberg auszutragen, wo vor drei Wochen auch die Bayern zu Gast waren (0:0). Besonders pikant ist dabei die Tatsache, dass Lwiw (Maidan) und Donezk (prorussisch) unterschiedliche politische Ansichten vertreten, wodurch es in der „Arena Lwiw“ immer wieder zu kleineren Handgemengen kommt. Das nagelneue und 176 Millionen Euro teure Donbass Stadion in Donezk hingegen ist nach monatelangen Gefechten kaum noch wiederzuerkennen und gleicht mehr einer Ruine denn einer modernen Sportstätte. Selbiges gilt für das Vereinsgelände, weshalb schon seit Monaten in der Hauptstadt Kiew trainiert wird.

Es ist eine fast schon aberwitzige Situation, unter der die Spieler derzeit ihrem Handwerk nachgehen müssen; „surreal“ nannte Thomas Müller sie im Vorfeld des Hinspiels, das in der Ukraine stattfand: „Man weiß, dass dort dieser schreckliche Krieg ist, realisiert es aber nicht so, weil man so eine schlimme Situation Gott sei Dank nicht kennt." Während die Bayern nach einem Tag in der Ukraine wieder in die sichere Heimat zurückkehrten, müssen die Akteure im Donezker Kader trotz extremer Sicherheitsaufkommen täglich mit der Angst leben, Opfer der politischer Unruhen zu werden. Mehr noch, als sie es ohnehin schon sind. Es ist daher nur logisch, dass ein Großteil der Spieler, vor allem die als zart besaitet geltenden Brasilianer, das Land lieber heute als morgen verlassen wollen – ganz gleich mit welchen Mitteln. So unternahmen die Topstars Alex Teixeira und Douglas Costa im Zuge einer Testspielreise nach Frankreich den Versuch, sich abzusetzen und kehrten nur auf massiven Druck des Präsidenten hin zurück in die Ukraine. Verdenken kann man es den Spielern nicht. Sie gerieten völlig unvorbereitet in eine Situation, die es im Profisport eigentlich gar nicht geben sollte.

Der Minsker Friedensgipfel vor knapp einem Monat gab schließlich Anlass zur Hoffnung, wenn auch von Waffenruhe in und um Donezk bis dato keine Rede sein kann. Bislang hat keine der beteiligten Parteien ihre schweren Geschütze aus der Region abgezogen, noch immer kommt es zu verheerenden Gefechten. Erst vor weniger als einer Woche verkündeten ukrainische Truppen den ersten verlustfreien Tag seit Beginn der Kämpfe. Mitten hinein in diese trügerische Ruhe kam es nun nahe Donezk zu einer Minenexplosion mit bislang 33 bestätigten Todesopfern; der Weg zurück zur Normalität ist noch weit, dazu steinig und vernebelt.

Für Fußballliebende ist es traurig mitanzusehen, wie politische Ereignisse den #Sport und seine Ausübung derart massiv beeinträchtigen: Die Teams Tawrija Simferopol und Sewastopol, die auf der Halbinsel Krim beheimatet sind, haben den Spielbetrieb in der ukrainischen Liga eingestellt und stehen vor einer ungewissen Zukunft. Darüber hinaus ist die Lage bei ostukrainischen Vereinen wie Metalist Charkiw, Odessa oder Lukz ähnlich prekär wie in Donezk, weshalb das Meisterschaftsrennen in diesem Jahr vor allem in den Köpfen der Spieler entschieden wird. „Am Ende wird sich diejenige Mannschaft durchsetzen, die mit diesen widrigen Umständen am besten klar kommt", orakelte Shakhtar-Trainer Mircea Lucescu und liegt damit vollkommen richtig. Nach Jahren beängstigender Dominanz rangiert Donezk in diesem Jahr „nur“ auf Platz zwei und hat bereits fünf Punkte Rückstand auf Spitzenreiter Dynamo Kiew. Unter normalen Umständen kaum vorstellbar.

Shaktars Präsident Achmetow versucht indes verzweifelt, Normalität zu simulieren, steht dabei jedoch vor einer Herkulesaufgabe. Denn wenn das eigene Stadion in Trümmern liegt, der Flughafen dem Erdboden gleichgemacht und die Heimatstadt zum Minenfeld avanciert ist, dann wird der Sport selbst für den gewissenhaftesten Vollprofi zur Nebensache. Den Spielern ist somit nur zu wünschen, dass sie beim Gastspiel nächste Woche in München ein wenig den Kopf freibekommen und sich im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League nur auf eines konzentrieren können: Den Fußball. So wie es eigentlich sein sollte.