Schon seit Dezember 2014 sind die Ermittlungen im Fall Marco Reus von der Staatsanwaltschaft Dortmund wieder aufgenommen worden. Der Grund ist allerdings nicht, dass er sich auch nach seinem Strafbefehl wieder hinters Steuer gesetzt hat - vielmehr prüft die Staatsanwaltschaft nun, ob ihm noch weitere Verstöße gegen das Gesetz in der Zeit vor seinem Strafbefehl zur Last gelegt werden können. Durch die mediale Aufmerksamkeit gingen bei der Staatsanswaltschaft vermehrt Meldungen von Bürgern ein, die behaupten, Marco Reus auch an anderen als den betreffenden sechs Tagen am Steuer gesehen zu haben. Die Beobachtungen sollen sich über einen Zeitraum von mehreren Jahren erstrecken.

Wieso hat die Staatsanwaltschaft nicht sofort näher ermittelt?

Als die Staatsanwaltschaft sich mit dem Fall Reus befassen musste, ging alles recht schnell. Sechs Fälle waren durch Blitzerfotos bzw. Kontrollen eindeutig bewiesen. Statt noch weiter nachzuforschen, verschickte die Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl an Marco Reus. Dies geschieht im Justiz-Alltag häufig: Es erspart der Staatsanwaltschaft Arbeit, denn sie muss keine Anklage erheben - vorausgesetzt der Beschuldigte zahlt ohne Einwände. Auch für Marco Reus stellte sich die Situation günstig dar: Er kam ohne Gerichtsverhandlung aus, die für ihn sicherlich ein noch größeres An-den-Pranger-Stellen in der Öffentlichkeit zur Folge gehabt hätte. Durch die Ansetzung der Strafe auf 90 Tagessätzen darf er sich darüber hinaus weiter als nicht vorbestraft bezeichnen. Der Fall schien also mit Vorteilen für alle Beteiligten schnell abgehandelt zu sein.

Vorwurf eines Promi-Bonus

Die Staatsanwaltschaft Dortmund musste sich allerdings schnell den Vorwurf der Bevorteilung Reus' gefallen lassen. Sogar im NRW-Landtag wurde Reus zum Thema gemacht. Zentraler Vorwurf war neben der Vernachlässigung des Vorwurfs der Urkundenfälschung auch ein zu geringeres Strafmaß. Nun kommt ein weiterer Vorwurf hinzu: Die Staatsanwaltschaft hat anscheinend nicht genau genug ermittelt.

Wiederaufnahme der Ermittlungen - Wieso?

Seit Dezember 2014 laufen wieder Ermittlungen gegen Reus. Der Staatsanwaltschaft hätte von Anfang an klar sein müssen, dass Marco Reus nicht nur an den betreffenden 6 Terminen ein Auto gefahren hat - sondern auch darüber hinaus. Jetzt muss die Staatsanwaltschaft jedem Hinweis nachgehen und neue Beweise sammeln, die Fahrten an anderen Tagen belegen sollen. Auch Mitspieler und Kollegen sowie Angehörige Reus' sollen befragt werden.

Es kommt die Frage auf, ob das nicht alles sinnlos und juristischer Nonsens ist. Ein Beispiel soll die Sache veranschaulichen: Ein stadtbekannter Schläger wird wegen Körperverletzung in 5 Fällen verurteilt. Seine Strafe sitzt er ab bzw. begleicht sie, wenn er eine Geldstrafe erhalten hat. Jedem ist klar, dass er nicht nur in 5 Fällen eine Körperverletzung begangen hat. Die Staatsanwaltschaft versäumt es jedoch, Beweise für weitere Straftaten zu sammeln und ihn auch wegen dieser Taten anzuklagen. Später kommen der Staatsanwaltschaft allerdings diese Beweise für weitere Taten zu. Sie hat daher die Pflicht, auch diesen Hinweisen nachzugehen und eventuelle Anklage zu erheben.

Was passiert jetzt mit Reus?

Das ist nicht ganz klar. Sollte die Staatsanwaltschaft handfeste Beweise für weitere Fahrten vorbringen können, könnte es zu einer Anklage kommen, oder auch zu einem weiteren Strafbefehl. Das könnte für Reus Folgen haben: Bisher hat er lediglich einen Strafbefehl über 90 Tagessätze erhalten - damit liegt er einen Tag unter der Grenze, ab der ein Täter als vorbestraft gilt und dies auch in seinem Führungszeugnis auftaucht. Das wiederum könnte für den Sportler Reus Folgen haben: Viele Vereine, aber auch Firmen, die mit den Spielern werben, legen Wert darauf, dass der Spieler unbescholten ist. Ein Eintrag in Reus' Führungszeugnis, der ihn als vorbestraft ausweist, könnte insofern negative Folgen haben.

Zu guter letzt ist auch Borussia Dortmund in der Pflicht. Während ein Verein wie Bayer Leverkusen seinen Profi Spahic ohne eine rechtskräftige Verurteilung, sogar ohne eine erhobene Anklage, entließ, spielten die Verantwortlichen vom BVB die Reus-Affäre herunter und stellten sich hinter den Gesetzesbrecher. Für sie war es sicherlich ein Vorteil - Reus dürfte das Verhalten des Vereins diesem hoch angerechnet haben, was auch mit ausschlaggebend für seine Vertragsverlängerung gewesen sein dürfte. Sollte Marco Reus tatsächlich bald als vorbestraft gelten, müsste sich der BVB für eine Entscheidung pro Reus trotz seines Gesetzesverstoßes  rechtfertigen. Es ist klar, dass er aus sportlicher Sicht unverzichtbar ist - doch auch in moralischer Hinsicht hat nicht nur der Spieler, sondern auch der Verein eine Vorbildfunktion.
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