Das Spiel in Porto war für den FC Bayern in mehrerlei Hinsicht ein Debakel. Einerseits, weil das Team seiner Favoritenrolle nicht gerecht wurde und verdient mit 1:3 unterlag. Andererseits, weil Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt aufgrund eines Affronts nach Spielende sein Amt als Mannschaftsarzt der Bayern niederlegt. Der Rücktritt kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt für den Verein, der ein überberstendes Lazarett verarzten und eine schwierige Phase überstehen muss. Müller-Wohlfahrts Entscheidung geschah nicht unbedingt aus dem Affekt heraus, weshalb eine Rückkehr - zumindest in naher Zukunft - unwahrscheinlich ist. Ein Kommentar.

Das "beschädigte Vertrauensverhältnis" zwischen Dr. Müller-Wohlfahrt und der Führungsriege des FC Bayern soll ausschlaggebend gewesen sein für den überraschenden Entschluss des Mannschaftsarztes. Wobei, so überraschend kam der Rücktritt des 72-Jährigen nicht. Schon seit Monaten waren immer wieder Spannungen vernehmbar zwischen Müller-Wohlfahrt und Bayern-Coach Pep Guardiola.

Der Spanier soll ein Problem damit haben, dass der Kultmediziner die FCB-Profis stets in seine Privatpraxis in der Münchner Innenstadt fahren lässt, anstatt sie direkt vor Ort zu behandeln. Als Kompromiss hatte Müller-Wohlfahrt schließlich seinen Sohn Killian als Teamarzt an die Säbener Straße beordert.

Ein weiterer Streitpunkt war dem Vernehmen nach die Reha-Phase von Guardiolas Liebling Thiago Alcantara. Der Bayern-Coach setzte eine Behandlung des Spaniers in Barcelona durch, wogegen Müller-Wohlfahrt vehement protestierte. Wenig später zog sich Alcantara einen erneuten Innenbandriss zu. Obwohl Müller-Wohlfahrt somit Recht behielt, scheint Guardiola dem hochangesehenen Doktor seither noch weniger Vertrauen entgegenzubringen.

Das Fass zum Überlaufen brachte nun jedoch ein anderer. Ausgerechnet Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge soll Müller-Wohlfahrt nach dem 1:3-Debakel in die Mangel genommen und ihn "hauptverantwortlich" für die Niederlage gemacht haben. Hintergrund dieses Vorwurfs war wohl die Verletzung von Franck Ribéry, die nach Müller-Wohlfahrts erster Prognose nach nur zwei bis drei Tagen Pause hätte abheilen sollen. Stattdessen ist der Franzose nach über fünf Wochen noch immer nicht einsatzbereit.

Dem Arzt nach einer desolaten Leistung nun den schwarzen Peter zuzuschieben, ist - gelinde ausgedrückt - unprofessionell. Vor allem da das Team nicht zuletzt aufgrund krasser individueller Fehler verlor, die nicht im entferntesten mit der medizinischen Abteilung in Zusammenhang stehen. Entgleisungen dieser Art ist man vom FC Bayern nicht gewohnt. Müller-Wohlfahrts unmittelbare Reaktion wirkt auf den ersten Blick überzogen (Stichwort: beleidigte Leberwurst) und ehrgekränkt, ist hinsichtlich der monatelang schwelenden Differenzen jedoch ein nachvollziehbarer Schritt. Ohne das Vertrauen des Arbeitgebers ist es schwer, seinem Job vernünftig nachzugehen.

In der heutigen Pressekonferenz des FC Bayern München betonten alle Beteiligten, wie sehr sie Müller-Wohlfahrts Rücktritt bedauern. Pep Guardiola würdigte seine Arbeit und sprach davon, "seine Entscheidung zu akzeptieren".

Dies kann man interpretieren wie man will, fest steht: Mit Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt verlieren die Bayern einen weltweit geschätzten und anerkannten Sportmediziner, der fast vier Jahrzehnte lang FCB-Stars unter seine Fittiche nahm; eine Institution. Sie verlieren einen Mythos, den Wunderheiler, der einer der Hauptgründe dafür ist, dass Arjen Robben einst zu den Bayern wechselte und noch immer Münchner ist. Sie verlieren den erfahrensten Sportarzt auf dem Markt, um den sie jahrelang beneidet wurden und der Jahr für Jahr internationale Topstars wie Usain Bolt oder Kobe Bryant auf dem Behandlungstisch hatte. Und nicht zuletzt verlieren sie einen Menschen, dessen Wertschätzung sich bei den Spielern zwischen Respekt und Verehrung bewegte. Sie verlieren Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, ausgerechnet zum ungünstigsten Zeitpunkt.
#Fußball #Sport