Die Formel 1 hatte sicherlich schon bessere Zeiten: Finanziell kaum noch lebensfähige Teams, nur wenige Fahrer auf der Strecke und ein gähnend langweiliger Kampf um die Meisterschaft, der von den überragenden Silberpfeilen dominiert wird.

So auch beim Großen Preis von Shanghai, bei dem die beiden Mercedes-Piloten Nico Rosberg und vor allem Lewis Hamilton erneut die beiden Spitzenplätze einnahmen und Sebastian Vettel in seinem Ferrari davonfuhren. In der Sportpresse und im Fernsehen spielen diese Ereignisse heute nur noch eine marginale Rolle. Die Formel 1 hat auch journalistisch massiv an Bedeutung verloren.

Wenn es Schlagzeilen gibt, dann meist wegen skurriler Ereignisse abseits der Rennstrecke. Was nun aber beim Großen Preis von Shanghai vermutlich für am meisten Wirbel sorgte, ist bezeichnend für die rasante gesellschaftliche Veränderung in den westlichen Ländern. Auf dem Siegerpodest hat Lewis Hamilton nämlich - wie schon seit Jahren üblich - beim Öffnen der obligatorischen Champagnerflasche nicht nur fleißig den goldenen Saft in die Luft gespritzt, sondern auch umstehende Personen damit eingeschäumt - darunter auch eine asiatische Hostesse.

Diese war von diesem, im distanzierten China sicherlich unüblichen, Brauch nicht gerade begeistert, bewahrte jedoch Haltung und lies den Rennfahrer-Spaß über sich ergehen. Damit könnte der Drops längst gelutscht sein, doch Fehlanzeige. In Twitter und zahlreichen britischen Medien brach ein regelrechter Shitstorm los, der die fahrerische Leistung Hamiltons für das Vereinigte Königreich völlig in den Hintergrund drängte. Hamilton sei ein "goldbehangenes Arschloch", sein Verhalten sei unsportlich und er eine "Schande fürs Königreich".

Selbst der britische Verband gegen "Sexismus" meldete sich zu Wort: Hamilton habe der Frau "gezielt ins Gesicht gespritzt", was anscheinend für die Gesinnungswächter eine Ähnlichkeit mit Sexualpraktiken hat und deshalb "sexistisch" sei. Hamilton hat sich bislang nicht zu der lächerlichen Debatte geäußert - und fährt damit goldrichtig. In Deutschland wird mittlerweile auch über den Eklat berichtet: Erfrischenderweise nicht mit einem Kopfschütteln über Traditionen des Formel-1-Sports, sondern über die Debatte an sich.

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