Die quasi zahllosen fußballverrückten Erdbewohner, die es nicht primär mit der Nationalmannschaft des Deutschen Fußballbundes halten, dürften heilfroh sein, dass es wenigstens noch die Brasilianer gibt. Ähnlich der Ureinwohner des gesamtamerikanischen Kontinents, die peu à peu ihres Lebensraums von den europäischen Invasoren beraubt worden waren, krallt sich im 21. Jahrhundert die Seleção an die letzten paar Rekorde, welche ihnen die bis in die Haarspitzen geordneten, in penibler Nachwuchsarbeit gezüchteten und anbei selbstredend hochtalentierten Funktionskicker aus dem disziplinierten Effektivitäts-Deutschland noch gelassen haben. Aus jener Fußballnation, die sich im Sommer 2017 leisten kann, die besten ihrer Weltmeister unter Palmen zu schicken, während der zweite Anzug den letztmalig ausgetragenen Confed-Cup und zeitgleich die Stars der Katar-WM 2022 den U-21-Europameisterschaftstitel gewinnen.

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Noch ist Brasilien mit fünf Regentschaften Rekordweltmeister, die Südamerikaner nahmen allein an sämtlichen WM-Titelkämpfen teil (20). Den Rest der Bestwerte haben sich die heranmarschierenden Deutschen allmählich einverleibt. Sie kraxelten beispielsweise mit einem Dutzend Mal am häufigsten aufs Podium (4/4/4), das Brasilien immerhin neunmal (5/2/2) und Italien siebenmal (4/2/1) bestieg. Herausragend die deutsche Statistik, lediglich einmal in der Vorrunde gescheitert zu sein. Das war zu einer Zeit, in der einige der ersten Bundesligaspieler den blauen Planeten noch nicht bevölkert hatten (1938). Unnötig zu erwähnen, doch in einen deutschen Text gehört es der Vollständigkeit wegen: Neben Brasilien ist Deutschland (exklusive der DDR) die einzige Nation, die noch nie in einer WM-Qualifikation, die sie spielte, gescheitert ist.

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DFB-Auswahl nun allein häufigster WM-Teilnehmer Europas

Dass dieser Fauxpas Italien nun zum zweiten Mal nach 1958 unterlaufen ist, macht Deutschland zum alleinigen europäischen Rekordteilnehmer bei WM-Endrunden (19). 1958: Das war die WM in Schweden – blöd für Italien, dass es dieses Mal die Playoffs gegen Schweden waren, die den Event 2018 in Russland ohne die Squadra Azzurra auslösten. Noch blöder für Italien: das Wie! Ausgerechnet gegen einen mauernden Kontrahenten zu scheitern, wirkt wie eine Schelle in ein jedes Antlitz des 60-Millionen-Seelenvolkes, das als Erfinder, Meister und Gottheit des Spielsystems „Catennacio“ (Türriegel) gilt.

Doch am blödesten für Italien: Die Schweden haben den Riegel nach ihrem 1:0-Heimsieg beim 0:0 im Giuseppe-Meazza-Stadion zu Mailand mittels eines 4-4-2 noch nicht einmal sonderlich gut kopiert. Vor allem die Außenverteidiger Lustig und Augustinsson hatten gegen Cantreva und Darmian oftmals das Nachsehen. Beide verschuldeten zudem (aber eben nur fast) je einen Elfmeter: Bei Augustinssons Einsteigen gegen Parolo fehlte Referee Lahoz vermutlich noch der Mumm, auf den Punkt zu zeigen (8.); fast witzig, wie Lustig später Darmian im Strafraum ungelenkt umrauchte, nachdem er einen Flankenball unterlaufen hatte (47.).

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Hier hatte Lahoz jedoch ein Handspiel Darmians bei der Ballannahme erkannt – zweifelhaft! Wesentlich strafwürdiger erschienen hingegen die Handspiele Darmians und Barzaglis im ersten Durchgang im Sechzehner der Italiener, die der spanische Schiedsrichter wiederum als regelkonform einstufte.

Schwacher Schiri, schwächere Schweden

Dennoch: Am Iberer lag es nicht allein, dass der vierfache Weltmeister trotz etlicher guter Möglichkeiten nicht wenigstens einen Ball ins skandinavische Netz zu bugsieren vermochte. Keeper Olson hielt, was er halten musste, schaute indes die meisten Versuche der Hausherren gekonnt am Tor vorbei – und das Spielgerät nach Lustigs verunglückter Rettungstat auf den eigenen Querbalken (67.).

#seitenwechsel: Was aber vielleicht bei dem einen oder anderen deutschen Fußballfan zur voreiligen Häme führen könnte, da nach Holland auch ein zweiter Erzrivale und zudem der Angstgegner schlechthin den Sprung in die Endrunde nicht schaffte, dürfte sich bei dem etwas mehr der Attraktivität des Sports Erfreuenden in Ärgernis widerspiegeln: Mit Italien fehlt in Russland sicher kein potenzieller Turnierfavorit, jedoch eine Mannschaft, die um guten und schnellen Fußball bemüht ist. Stattdessen nimmt eine Mannschaft teil, die zwar den Ergebnissen nach berechtigt eine harte Qualifikation überstanden hat, jedoch fußballerisch vieles vermissen lässt. Nicht erst in den letzten fünf Dauerdruckminuten Italiens verteilten die Schweden mitunter völlig unbedrängt und gar unbeabsichtigt die Bälle im Seitenaus der italienischen Spielhälfte. Was beim Rugby eine gute Taktik ist, gestaltete sich in Mailand zum Abtöter jedweder Entlastung und Chance, per Auswärtstor das Duell vorzuentscheiden. Viel mehr als spielerische Ansätze – etwa beim Leipziger Forsberg – war von den Akteuren in den gelben Trikots nicht zu erkennen.

Hoffentlich bleibt es nur bei der Vermutung, dass spielerische Defizite einer derart unterlegenen und allein auf das Unvermögen des Gegners bauenden (in diesem Fall auch noch europäischen) Mannschaft in einer puren destruktiven Spielweise bei der Endrunde münden. Nicht nur das Torschussverhältnis von 4 zu 23 spricht Bände, das biedere Hoffen auf die Unzulänglichkeiten des anderen führt zur fußballerischen Tristesse. Defensiv spielen ist absolut legitim, gehört unbedingt dazu, doch Ergebnissport hin oder her: Die Zerstörung des Spiels darf nicht zur Maxime desselben werden. Was spricht dagegen: Sechsmal hieß es in den bisherigen neun Playoff-Partien am Ende 0:0. Was spricht dafür: Die besten Spieler und Teams suchen ihr Heil auch per Matchplan meist im Torerfolg; etwa Spanien, Frankreich, Brasilien und eben auch das den nächsten Rekord jagende Deutschland. #hintertorkamerad