Das Bild der afrikanischen Unabhängigkeit gleicht zurzeit in den meisten Regionen leider noch einer schöngeredeten Phantasie. Gründe für die sich nur im Gänsemarsch etablierende Wirtschaft scheint es ausreichend zu geben. "Expert_innen" behaupten, die Hauptursache dafür, dass Afrika nicht als "Global-Player" mitwirken kann, liege in der nie stattgefundenen Industrialisierung.

Was damals unter kolonialer "Rohstoff-Ausbeutung" verstanden wurde, entwickelt sich im postkolonialen Zeitalter unter der Führung der neuen afrikanischen Elite zu einem moderneren Begriff, dem "Rohstoff-Export". Zunehmend setzen die Regierungen der neu entstandenen Nationen in den 60er Jahren auf den Export von Bodenschätzen im großen Stil. Ihre Hauptabnehmer bleiben natürlich die alten Kolonialherren, die die weiterhin ihre unsichtbare Hand über den wertvollen Kontinent legen. Es herrscht eine Schein-Unabhängigkeit, die seit der "afrikanischen Befreiung" bis heute zu spüren ist.

Die Unerfahrenheit und Gier der "neu-elitären Regierungslobby" führte zum ausschließlichen Abbau und Export von Rohstoffen. Die Entwicklung kleinerer Wirtschaftszweige und Produktionen wurden außer Acht gelassen. Zwar sorgte der Export für große Einnahmen, jedoch waren die Ausgaben für die Maschinerie eines solch enormen Abbaus von Rohstoffen noch größer. Das, zum Thema Unabhängigkeit.

Weitere Aspekte, die zur Stagnation der afrikanischen Wirtschaft führten, sind das Fehlen einer Infrastruktur, wie zum Beispiel einer transkontinentalen Eisenbahnstrecke, und die nicht ausreichende Weiterverarbeitung von Rohstoffen. Letzteres übernimmt heute China und der indische Subkontinent. Nigeria, das zu den weltweit größten Erdölproduzenten zählt, zum Beispiel, muss weiterhin Benzin importieren, da es selbst nicht über genügend Raffinerien verfügt. Afrika zählt heute global zu den teuersten Produktionsstätten für Rohstoffe.

All diese negativen Gegebenheiten sind am Ende vielleicht doch positiver, als sie erscheinen. Mittlerweile gibt es Thesen, in denen man davon ausgeht, das Afrika den Teil der Industrialisierung einfach überspringen könnte. Es sind mittlerweile andere ergänzende Sektoren im Bereich der Wirtschaft entstanden, die die vergangene Fehlhaltung und Misswirtschaft ausgleichen. Zum Beispiel besitzt Afrika eine enorme Internet- und Telefon-Infrastruktur, die der europäischen weit voraus ist. Diese Überentwicklung hat dazu geführt, dass viele internationale Firmen aus der IT-Branche nach Afrika verlagern. Die wachsende Urbanisierung, das enge Zusammenleben von Gemeinschaften und der afrikanische Enthusiasmus werden vermutlich auch in Zukunft für innovative Ideen sowie einen erweiterten Austausch von Wissen sorgen und Afrika auf die globale Ebene erheben. Was auch immer das zu bedeuten hat.

Vielleicht liegt die Zukunft Afrikas auch in der immer größer werdenden Start-up Scene in der viele Staaten Afrikas mittlerweile nicht nur "Global-player", sondern "Leading-Global-Player" sind. Bei einem Start-up Wettbewerb der Firma Seedstar zum Beispiel, gewannen bei einer internationalen Ausschreibung gleich zwei afrikanische Kleinunternehmen.

Eine Vernetzung einer multidiversen Kleinunternehmens-Landschaft, würde vermutlich eine ebenso stabile Wirtschaft hervor bringen, wie es die Industrialisierung nach dem europäischen Modell tut. Die Gefährdung durch Monopolisierung würde entfallen, Korruption würde an Gewicht verlieren und Gemeinschaften behielten die Möglichkeit der freien Entfaltung von "Gesellschaft". In der Hoffnung, absurde Ranking-Begriffe wie "Dritte Welt" aus dem Bewusstsein der Menschen zu lösen.

Weitere Fragen bleiben offen, wie zum Beispiel, was hat die Industrialisierung dem globalen Norden gebracht, und wann distanzieren wir uns endlich von der eurozentrischen Festlegung der "Norm".

Julien Vindal/Lonam

Bild: Andrew Smith / Flickr.com [CC BY-SA 2.0]