Der Facebook-Post einer kleinen Tankstelle in Bendorf könnte der Anstoß zu etwas Größerem sein. Die Aral-Tankstelle schrieb auf ihrer Facebook Seite folgendes: "Liebe Kunden, bei uns gibt es heute KEINE BildZeitung mehr! Wir unterstützen diese Hetzkampagne nicht! Wir hoffen auf ihr Verständnis!". Verständnis haben die BILD-Gegner anscheinend bei fast 100.000 Menschen gefunden. So viele Likes erzielte der Post nach nur drei Tagen. Mittlerweile gibt es mit der Post Rutesheim, einer Tankstelle in Papenburg und einem Edeka-Laden in Chemnitz die ersten Nachahmer der Aktion. Es sind zwar nur kleine Läden, doch das Feedback in den sozialen Netzwerken gibt Grund zur Annahme, dass weitere Vertreiber der Zeitung ihren Verkauf stoppen werden. Scheinbar befriedigt dieses Verhalten der Verkaufsstellen ein Bedürfnis vieler Menschen. In den Kommentaren unter dem Facebook-Posts häuft sich das Wort "Respekt". Viele halten diese Entscheidung für mutig und nennen es "VorBILDlich". Doch wieso erntet der Verkaufsstopp der der BILD-Zeitung so viel Zustimmung?

Die Kritik an der Berichterstattung der Boulevardzeitung besteht schon seit Jahrzehnten und gehörte sogar schon zu eigenen Werbekampagnen, "Bild dir deine Meinung". Auch Demonstrationen und ganze Talk-Show-Abende standen unter dem Thema der qualitativen Beurteilung der Zeitung. Seit der Pegida Bewegung, ab Oktober 2014, ging das Wort "Lügenpresse" mit heftigen Diskussionen durch die Medien. Die Einen tun es ab als ausgemachten Humbug von Verschwörungstheoretikern, Andere fühlen sich in ihrer Annahme von Medienmanipulation bestätigt. Die Boulevardzeitung fachte die Diskussion noch weiter an. Im ersten Viertel des Jahres 2015 bewegte sich die BILD wieder hart auf der Kante zwischen Meinungsmache und Informationsversorgung. Sie forderten ihre Leser dazu auf "Nein" zu sagen, denn es solle "Keine weiteren Milliarden für die gierigen Griechen" geben. Genauso spielten sie eine bedeutende Rolle im Skandal um den vermeintlichen Mittelfinger von Griechenlands Finanzminister Varoufakis. Dauerhaft besteht Kritik an der Veröffentlichung von nicht unkenntlich gemachten Fotos, wie zum Beispiel im traurigen Fall Tugce. Viele Menschen werfen der Zeitung vor, solche emotional mitreißenden Schicksale auszunutzen. Es ist schwierig die Leute, die "Lügenpresse" rufen als Außenseiter darzustellen, wenn man mit der eigenen Berichterstattung teilweise diese verbundenen Ängste und Befürchtungen bestätigt.

Mit der inflationären Berichterstattung der Germanwings Maschine in Südfrankreich hat die BILD-Zeitung nach Meinung vieler Menschen eine Grenze zu viel überschritten. Wilde Spekulationen, Fotos der Toten, die Veröffentlichung der Identität des Piloten mit Nennung seines Heimatortes und die Aufzählung von Informationen von zweifelhafter Relevanz.

Unter den Boykottierenden im Netz befinden sich einige, die sehr eigenwillige Weltanschauungen zu haben scheinen, doch der Großteil der dort schreibenden Menschen scheint einfach nur keine Lust mehr auf die BILD-Zeitung zu haben. Eventuell ist der Moment günstig für die Anti-BILD Unterstützer, weitere Menschen von ihrer Meinung zu überzeugen und die BILD zu einer Veränderung in ihrer Berichterstattung zu zwingen.

Die BILD und der Pressekodex sind offensichtlich seit vielen Jahren keine guten Freunde, aber momentan schreibt die Zeitung höchst provokant und scheidet damit weiter die Geister in Deutschland. Diese harte Linie sollte niemanden überraschen, schließlich ist die Zeitung dafür bekannt. Die momentane Hass-Entwicklung scheint allerdings geradezu produziert von der BILD-Zeitung.

Man kann nur gespannt sein, was sich aus diesen kleinen Anfängen des Boykotts an den Kiosken und Tankstellen noch entwickeln wird. Vielleicht bleiben diese Vorgänge in Deutschland weitgehend unbeachtet, doch es wäre möglich, dass dieses Modell Mode macht und sich größere Vertreiber der Zeitung dazu entschließen sie auch nicht weiter im Sortiment zu führen.

Foto: Ruben Neugebauer, flickr.com #Internet