Chronik

"Ich bin auf Distanz zu Winterkorn". Dieser Satz sollte große Wellen schlagen. Für Ferdinand Piech, Porsche-Enkel, seit 22 Jahren an der Spitze von Volkswagen und Urheber dieser Aussage bedeutete es am Ende das Aus in der VW-Führung.

Seit langer Zeit stand es für viele Insider fest, dass Martin Winterkorn, selbst seit 8 Jahren Vorstandschef bei VW und als Ziehsohn Piechs geltend, im Jahr 2017 die Stelle des Aufsichtsratschefs von seinem "Ziehvater" übernehmen würde. Die beiden Charaktere stellen die wichtigsten Personalien in der Volkswagen-Leitung dar, wobei Piech mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung und seinem Einfluss auch als "König von VW" bezeichnet wurde. Piechs Statement gegen Winterkorn am 04.April diesen Jahres wurde von den Medien als Versuch des Patriarchen gewertet, auf diesem Wege seinen Kollegen durch provozierten öffentlichen Druck die Chance auf den Posten des Aufsichtsratschefs zu verwehren. Die anderen 16 Mitglieder des Aufsichtsrats reagierten verhalten und bezogen nicht unmittelbar Position. Als Folge des Streits breitete sich Unruhe in der Belegschaft aus und der Wert der VW-Aktie fiel stark, zwischenzeitlich bis zu 2%.

Die Brisanz der Vorkommnisse entsteht auch durch die untypischen Verhaltensweisen aller beteiligten Akteure.

Ferdinand Piech gilt als brillianter Stratege und überlegende Führungsfigur im VW-Konzern. Als früherer Vorstandschef und letztlich Aufsichtsratschef schienen alle Vorgänge im Unternehmen von ihm gelenkt, er bestimmte Machtverhältnisse und soll schon früher mit Erfolg Intrigen gegen vermeintliche Konkurrenten im eigenen Konzern gefahren haben. All diese Tätigkeiten führte er mit absoluter Professionalität und Perfektion durch. Was hat ihn nun veranlasst sich gegen seinen Vorstandschef zu stellen, ohne sich der nötigen Rückendeckung seines Aufsichtsrats zu versichern?

Die Aufsichtsratsmitglieder überraschten zwei Wochen nach Beginn des Streits und der öffentlichen Diskussion in den Medien nämlich mit einer klaren Positionierung zu Martin Winterkorn, und damit gegen den Patriarchen Piech. Zum Beispiel sagte Aufsichtsratsmitglied Bertold Huber gegenüber der FAZ "Wir haben mit Herrn Winterkorn einen hervorragenden Automobilisten und Vorstandsvorsitzenden, der unser vollstes Vertrauen hat". Über seinen Aufsichtsratschef verlor er kein Wort, was auch als Aussage gewertet werden kann.

Dem VW-Urgestein Piech waren sie über Jahrzehnte praktisch blind gefolgt. Was trieb den Aufsichtsrat zu diesem unerwarteten Verhalten?

Experten meinen das Ende der Piech-Herrschaft wäre längst überflüssig gewesen, und die Mitglieder der Führungsebene hätten nur noch auf den richtigen Moment gewartet. Volkswagen gilt als eine der stärksten Marken der Welt. Global vertreten, mit über 600.000 Mitarbeitern und mit den dazugehörigen Marken wie Audi, MAN, Porsche und Skoda sind sie die Macht am Automobilmarkt. Ein solches Unternehmen kann mit einer zentralen Führungspersönlichkeit am Markt bestehen, aber es klingt einfach nicht mehr zeitgemäß. Der 78-jährige Piech kann nicht mehr als Sinnbild für Entwicklung und Fortschritt gelten, zu altbacken der Führungsstil, zu konservativ seine Entscheidungen. Doch Fortschritt durch Entwicklung muss ein Automobil-Unternehmen durchgehend erreichen, nicht nur für die Qualität ihrer technischen Produkte, sondern als Aktienunternehmen, welches seinen Aktionären Zeichen aussenden muss. Die beständig liefernde VW-Aktie trägt sich seit Jahren durch die Ableger Marken und zu wenig durch die Volkswagen Kernmarke. Insider vermuten, dass die Neu-Strukturierung dahingehend bedeutende Veränderungen hervorrufen wird.

Folgen und Zukunft 

Am Schluss des zweiwöchigen Streits muss der "König von VW" abdanken. Gesichtswahrend räumte er seinen Stuhl "freiwillig". Seine Frau Ursula, ebenfalls Aufsichtsratsmitglied, verließ den Konzern auch, um der Unterstellung zu entfliehen, dass ihr Mann noch immer, durch sie im Unternehmen regieren würde.

Die Entwicklung in naher Zukunft sollte sich als interessant gestalten. Nun steht die Neuformierung der Machtverhältnisse im Aufsichtsrat an. Die Rollen in diesem nächsten Kapitel der VW Entwicklung sind nicht klar verteilt. Die Zukunft der Streitfigur Martin Winterkorn ist weiter ungewiss. Bisher eher unbekannte Personalien wie Betriebsratschef Osterloh oder Porschechef Müller könnten dabei bedeutende Rollen einnehmen. Außerdem ist der Einfluss Piechs in der Gestaltung der VW-Zukunft mit seinem Rücktritt aus dem Aufsichtsrat nicht komplett gebrochen. Fünf Familienmitglieder sind noch immer in der Führung und einen Aktienanteil von 14 Prozent hält der ehemals unangefochtene Chef am Unternehmen. Über den Umgang Piechs mit seinem noch bestehenden Einfluss in der Zukunft lässt sich momentan nur spekulieren. Die Aktionäre zumindest jubeln über die Aussicht auf Neuerungen und treiben nach dem Streit die VW-Aktie auf ein neues Hoch. Die Wogen im Konzern glätten sich nun langsam wieder. Volkswagen wird wohl in nächster Zeit alles versuchen um das leicht angekratzte Bild des ansonsten harmonischen Unternehmens wieder herzustellen.

Nun rücken Piechs Nichten Louise Kiesling und Julia Kuhn-Piëch in die freigewordenen Aufsichtsratsstellen. Die ganze Szenerie erinnert nur allzu sehr an das Serien-Epos "Game of Thrones" mit Intrigen und Beziehungsstrukturen, die man als Außenstehender nur erahnen kann.

Foto: flickr.com - syls  #Finanzen #Investment