Deutschland steht still - und jeder regt sich auf. Man kommt nicht zur Arbeit, man kommt nicht zur Schule, kann nicht nach Hause pendeln. Diese Lokführer sind doch unverschämt! Während das ganze Land ihren Hass auf den GDL-Chef, Claus Weselsky, loslässt, verfolgen nicht wenige Journalisten lieber Weselskys Nachbarn, statt Recherche zum Sinn des Streiks. Gerade Printmedien haben mutmaßlich gemerkt, dass sich Auflagen vielleicht verbessern, wenn man immer raufhaut, auf den verhassten Claus. Der Focus begibt sich da zum Bespiel auf Spurensuche und stellt fest, dass der Weselsky in einem Altbauhaus in Leipzig wohnt und abgeschieden dazu. Das macht Sinn, wenn das ganze Land auf ihn wütend ist. Die knallharten Journalisten haben noch weiter recherchiert. Sie informieren die Leser darüber, dass das Klingelschild unten ist, aber Claus Weselsky und seine Familie im Obergeschoss wohnt. Weil das noch nicht für eine Topstory reicht, erklärt man, dass der GDL-Boss das Doppelte dessen, was die Lokführer verdienen, im Geldbeutel hat. Wir hätten vom Focus gern gewußt, ob wenigstens seine Chefredakteure genauso viel verdienen wie die Redakteure. Aber über Geld spricht man dort nicht.


Andere Pressemedien betiteln ihn als größenwahnsinnig. Die Bild nennt Weselsky den Chaos-Claus und findet heraus, dass er schon als junger Mann ein Außenseiter war. Der Berliner Kurier erlaubt sich gar einen Vergleich mit Martin Luther und meint, dass Weselsky sein Lebenswerk viel kleiner ausfällt. Auf so einen Vergleich muss man erstmal kommen. Das Klatschblatt aus der Hauptstadt möchte regelmäßig "das Unmögliche möglich machen, nämlich Claus Weselsky vestehen". Der Chefredakteur des Berliner Kurier ist Jan Schmidt, der mal Taxifahrer war und damals sehr gut davon lebte, wenn die Bahn gestreikt hat. Es ist traurig für den Journalismus, was die Presse teilweise in diesem #Streik abliefert. Ist das unsere Sorgfaltspflicht? Interviews auf dem Bahnhof mit Passanten führen, die uns sagen, sie werden zu spät kommen, weil ihr Zug nicht fährt? Ach was. Wo bleibt unser Engagement, liebe Kolleginnen und Kollegen?

Warum rennen wir der SPD-Pressestelle nicht mal die Bude ein? Kaum einer berichtet darüber, was es eigentlich bedeutet, wenn unsere Arbeitsministerin, Andrea Nahles (SPD), das Tarifeinheitsgesetz tatsächlich durch den Bundestag kriegt. Es wäre nämlich das Ende kleiner Gewerkschaften. Ein Stück Demokratie wäre es auch. Denn was passiert, wenn sich wenige große Gewerkschaften mit den Bossen einigen? Sicher, wir kommen alle pünktlich nach Hause, aber tut es der Freiheit gut, wenn nur noch wenige große Gewerkschaften eine Stimme haben? Vor vielen Jahren haben fast alle Lokführer den Beamtenstatus verloren, jetzt sollen sie auch noch das Streikreicht verlieren?

Die CDU spricht von einer Unerträglichkeit eines Gewerkschafters. Das war der Wirtschaftsexperte Dr. Michael Fuchs. Was ist denn unerträglich, Herr Dr. Fuchs? Dass es in Ihrem Wahlkreis Rhein-Lahn mal eine Woche einen Notfahrplan gibt? Sie fahren doch eh Limousine. Was ist Fuchs' Problem? Das Menschen für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen? Lokführer haben oft bis zu 600 Überstunden und mehr. Die Uhrzeiten wechseln ständig. In der Hauptstadt rekrutiert die Berliner S-Bahn Lokführer nur noch über die DB-Zeitarbeit. Dort starten Quereinsteiger mit dem Mindestlohn . Da verdient niemand genug.

Die Presse hat es sich zur Aufgabe gemacht, um Nachahmer zu verhindern, nur wenig über Suizide - sofern keine prominente Person - zu berichten. Das ist grundsätzlich richtig. Heute muss es jedoch einmal eine Zahl sein. Mir hat ein Lokführer gestern interne Zahlen übermitteln, die mich entsetzt haben. Es gibt durchschnittlich 467 pro Jahr. 467 Schicksale von Lokführern. Das sind keine Einzelfälle, das passiert mehr als einmal am Tag. Mit dieser Angst fahren Lokführer jeden Tag durch das Land. Er verriet mir auch den Code, welchen Zugbegleiter dann durchsagen. "Notarzteinsatz am Bahnhof" - Suizid in Bahnhofsnähe, im Bahnhof. "Personenunfall" - Suizid auf freier Strecke. Wenn Sie das hören, liebe Reisende, wird ein Lokführer gerade unter Schock stehen und wahrscheinlich nie mehr seinen Beruf ausüben können. Sie müssen nur warten bis die Staatsanwaltschaft die Weiterfahrt genehmigt. Sie sind dann etwa zwei Stunden später zu Hause. Was ist schlimmer? Eben. Auch für die Versorgung solcher betroffenen Lokführer kämpft die GDL.

Es ist bemerkenswert, dass die Lokführer bei dem Streik so lange durchhalten und für ihr Grundrecht kämpfen. Es ist mutig. Meine beste Freundin arbeitet in einem Callcenter, dort ist Verdi vertreten. Eine große Gewerkschaft. 8,61 Euro, also 11 Cent über den Mindestlohn, ohne Zuschläge, im Schichtdienst, ohne Urlaubsgeld. Sie macht dort das Banking zweier großer Banken sowie das Kreditkartenbanking und hat mit 450 anderen Niedriglöhnern Zugriff auf sensibelste Zahldaten von 18 Millionen Deutsche. Eine große Verantwortung, die Verdi mit 8,61 Euro als sehr angemessen bezahlt. Streik gibt es da nicht, Verdi einigt sich immer ganz flott. Dafür gibt es sogar ein Sommerfest, wo Verdi kleine Eckes Kischliköre verteilt. Immer noch billiger, als Menschen angemessener zu entlohnen. Die Lokführer und GDL-Mitglieder aber wollen von ihrem Geld leben. Deshalb streiken sie für sich, aber auch für uns! Und das muss uns verdammt noch mal einige Zugausfälle wert sein.

Danke, GDL!