Zunächst, liebe Pendler und liebe Reisende, dass Sie mich jetzt nicht falsch verstehen: Es ist für mich - genauso wie für Sie - ärgerlich, nicht zu wissen, wie man ab heute bis zum kommenden Sonntag pünktlich zur Arbeit, oder von A nach B kommt. Sie liebe DB-Kunden, sind wie immer die Leittragenden. Von Größenwahn spricht man vor Wut bei dem Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, GDL, Claus Weselsky, wenn er jetzt sogar noch für das Zug- und Rangierpersonal eigene Tarifverträge erkämpfen will. Der "#Streik-Chaot" betitelt ihn heute eine Tageszeitung, ein anderes Magazin veröffentlichte gar Bilder seines Wohnhauses. Für Journalisten ist so etwas mehr als fragwürdig. Alle scheinen sich einig: Nur rauf auf den Claus! Dabei vertritt Weselsky nur seine Mitglieder - und das sind eben nicht nur Lokführer. Aber die Bahn nutzt die Stimmungsmache vieler Medien, die Wut der Fahrgäste raffiniert aus und prescht gleich noch hinterher, sie mache doch nicht unterschiedliche Abschlüsse für dieselbe Berufsgruppe. Genau, die Bahn, das Opfer.

Ja, liebe Bahn, so viele Abschlüsse sind schon verwirrend. Ähnlich wie diese vielen kleinen Tochterunternehmen, die ihr gründet. Deshalb haben wir uns letzte Woche mal an das Salzufer in Berlin begeben. Fangen wir gleich mal beim Streik an. Die Streikhotline übernimmt die DB Dialog, sie sitzt am Salzufer 6 in Berlin und ist ein Tochterunternehmen der Bahn, dies verantwortet der DB Vorstand Dr. Volker Kefer. Widerrum ein anderes Tochterunternehmen, schön aufpassen jetzt, stellt für diese Woche den erhöhten Personalbedarf, das ist dann die DB-Zeitarbeit aus Berlin. Die DB-Zeitarbeit zahlt noch weniger als die DB Dialog. Die DB Dialog aber in jedem Fall auch noch weniger als der DB Konzern. DB-Dialog und DB-Zeitarbeit haben ebenfalls unterschiedliche Tarifverträge. Wenn also heute verzweifelte Reisende auf der Hotline anrufen, bekommen sie Menschen ans Telefon, die selbst am Existenzminimum leben. Den kompetenten Service auf der Streikhotline stemmen billigste Arbeitskräfte. Denken Sie bitte daran, wenn Personalvorstand Ulrich Weber, heute in den Nachrichten, sich bei allen fleißigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihren Einsatz bedankt. Eine Schande ist das.

Hier die Zahlen von Webers Streikpersonal: Die DB-Zeitarbeit zahlt den Callcenter Agents, so genannte 1st-Level Agenten nur den Mindestlohn. Uns liegt ein Arbeitsvertrag von Jana B. (Name geändert) vor: Das Monatsgehalt liegt bei 846,98 EUR, dafür rackert sich Jana im Schichtdienst heute, bis Sonntag ab. Der Chef von DB-Dialog, Jürgen Gudd, bekommt AT-Gehalt, bedeutet außer Tarif. Dieses Gehalt wird nicht transparent aufgeführt und wird direkt durch die Deutsche Bahn Führungsebene beim Mutterkonzern bestimmt. Es dürfte das 30-fache von Jana sein. Mindestens. Die Überweisung kommt aus der Personalstelle in München. Gudd ist ein guter Freund des Vorstandes, seit 1998 treu ergeben und soll beim Tochterkonzern auf keine Annehmlichkeiten verzichten. Also: Nachteile nur für das einfache Personal. Führungspersonal in Tochterunternehmen bleiben bei allen Vorzügen.

Genau diesem Schmuh will Weselsky ein Ende machen. Die DB lagert sein Personal seit 1996, also seit fast 20 Jahren konsequent aus, verschiebt Personal in Tochtergesellschaften, um einheitliche Tarifverträge und damit gleiche Bezahlung zu umgehen. Ziel war es immer: Personal schlechter bezahlen zu können. Und so gehören Zugbegleiter oft auch gar nicht direkt zur Deutschen Bahn, sondern auch gern zu Tochterunternehmen. Jetzt jammert die Bahn, sie wolle keine verschiedenen Tarifverträge. Das war aber abzusehen, wenn man den halben Konzern irgendwo auslagert.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrinth (CSU) und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) griffen die GDL massiv an und warnten vor einem Streik. Er wäre unverhältnismäßig. Ja, wo gibt es denn sowas? Ein Streik der trifft. Dobrinth sollte sich aber ganz schnell zurückhalten. Sein Ministerium wird auch in diesem Jahr die halbe Milliarde Euro Dividende von der Bahn als größter Aktionär annehmen. Geld, was für die Sanierung von Bahnhöfen dringender benötigt werden könnte. Und Vize-Kanzler Gabriel, der bei Unternehmen immer beliebtere Sozialdemokrat? Hat er den Anstoß gegeben, die Divendenforderung nicht zu sehr anzuheben? Hat er nicht. Der Bund erwartet in Zukunft von der Bahn 700 Millionen Euro Dividende. Gabriel war mit dafür.

Weselsky Antwort ist ärgerlich für alle, die Bahn fahren müssen. Er trifft uns Reisende am meisten. Das stimmt. Aber dieser Streik ist enorm wichtig - für das Personal, für die Demokratie in diesem Land und als Gegenschlag für die Divendenforderungen vom Bund. Denn die, wird Reisende in Zukunft noch mehr treffen, als diese Streikwoche. Und ich bin froh in einem Land, seit 1989, leben zu dürfen, wo Politiker einen Streik nicht verhindern können und Personal für ihre Rechte öffentlich kämpfen können. Dafür fahre ich die Woche wieder gern mit dem Fahrrad.

Lesen Sie hier das Exklusivinterview zu der Lage bei der DB Dialog.