Wenn Sie heute bei der Bahn anrufen, erreichen Sie nicht GDL-Chef Claus Weselsky, sondern die Mitarbeiter von DB-Dialog in Berlin und Hannover. Wie geht es denen dort, was werden sie erleben und was hat es mit der Streikparty auf sich. Eine Mitarbeiterin erzählt uns exklusiv über DB Dialog und stellt uns exklusive Bilder der letzten Streikpartys zur Verfügung. Aus Angst vor arbeitsrechtlichen Konsequenzen, nennen wir sie beim Decknamen Jana.

Jana, Du bist bei der DB-Dialog angestellt. Wie sieht ein Tag auf der Streikhotline ab heute aus?

Alle Kolleginnen und Kollegen aus dem Kundendialog, also dem Beschwerdemanagement, sowie aus dem Bahncard-Service melden sich über eine Telefonanlage an. Wir machen ausschließlich und nur Streikhotline! Andere Hotlines werden nicht mehr bedient.

Wie viele Kollegen sind dann vor Ort?

Einmal übernimmt Berlin mit rund zweihundert Mitarbeitern, dann auf jeden Fall noch Hannover. Dort gibt es ein ähnliches Callcenter.

Wie sind die Kunden drauf?

Sie sind sehr nett, meistens hilflos. Einige wünschen uns Glück, andere wollen einfach nur nach Hause.


Wie denkt ihr über den #Streik?

Es ist Akkordarbeit, aber dadurch das die Menschen am Telefon sehr freundlich sind, macht es Spaß. Viele stehen hinter den Lokführern. Das beste sind aber die Partys, die uns die Bahn dann bezahlt. Einmal saufen auf's Haus.

Warum tut das die Bahn?

Wie macht man Personal gefügig? Wie im echten Leben, mit Alkohol. Nee, es ist einfach nur so, dass man sich dadurch mehr Motivation und Bereitschaft zu Mehrarbeit erhofft. Wir sehen das einfach als Riesenparty, die uns die reiche Bahn bezahlt.

Werdet ihr schlecht bezahlt?

Was heißt schlecht. Wir haben fast alle 30 Stunden Verträge, arbeiten aber jetzt während des Streiks Vollzeit.

Werden euch die Überstunden ausbezahlt?

Wenn wir darauf bestehen ja und die Kollegen von der DB-Zeitarbeit auch. Bei DB-Dialog sieht man es aber lieber, wenn wir die Stunden abbummeln?

Werdet ihr krank, bekommt ihr also die Lohnfortzahlung von nur 30 Stunden?

Das ist richtig.

Du verdienst knapp unter 900 EUR netto, reicht das für Dich zum leben?

Ja. Es klingt im ersten Moment auch ausreichend, aber wir bekommen kein Urlaubsgeld oder volles Weihnachtsgeld. Das ist eigentlich das, was ich immer habe. Außer wenn die Gewinnbeteiligung ausgeschüttet wird. Als Single ist es okay.

Für 30 Stunden klingt das erstmal fair.

Ja und nein. Ich arbeite auch nachts von 21.45 Uhr bis 06.15 Uhr in der Nachtschicht, an Heiligabend, Ostern, an Feiertagen. Auch bekommen wir keinen extra Feiertagszuschlag. Dies wird alles auf einem Zeitkonto gebucht. Das ist also immer mein Gehalt, dafür habe ich kein Weihnachten mehr mit der Familie oder sitze Silvester im Callcenter.  Aber wie gesagt, allein lebe ich gut damit.

Bist Du zufrieden mit der DB Dialog?

Soweit ja. Aber auf Schichtplänen wird zu wenig Rücksicht genommen. Kann man da nicht, muss man tauschen. Für Eltern mit Kindern ist das ein Problem.

Und was macht man da?

Wenn man nichts zu verlieren hat, sich einen Krankenschein holen. Das machen viele so.

Was passiert dann?


Ein Mitarbeiterrückgespräch, wo man darüber spricht, was einem fehlt. Ich mache die nur mit dem Betriebsrat.

Ihr bekommt auch Vorzüge wie Freifahren oder kostenlose Monatskarten, wie DB Angestellte?

Nein. Das ist, wenn, sehr begrenzt und auch erst nach der Probezeit. Bis dahin kann man sich aber die Monatskarte durch das Jobcenter bezahlen lassen, wenn man zuvor arbeitslos war.

Wie bitte? Noch mal. Bahnmitarbeiter müssen sich von Steuergelder eine Fahrkarte zahlen lassen?

Innerhalb der Probezeit oder wenn sie es sich von dem Gehalt nicht leisten können, ja. Wir haben auch viele Aufstocker, weil das meist Alleinerziehende mit mehreren Kindern sind.

Und was ist, wenn ihr Vollzeit arbeiten wollt?

Nein, das geht nur über DB Zeitarbeit. Bei DB Dialog ist es kaum möglich.

Gibt es bei euch auch noch gut bezahlte Mitarbeiter?

Ja, wir haben zum Beispiel auch Lokführer, die ihren Job nicht mehr ausüben können oder alte Bahner, deren Stellen wegrationalisiert sind. Die kommen zu uns.

Und wie reagieren diese auf ihre neue Stelle?

Für die ist so ein Job eine Demütigung, sie haben abgeschlossen. Und DB Dialog hofft nur, dass sie bald in den Vorruhestand gehen oder tot umfallen. Die lassen sich nach 35 Jahre Dienstzeit von einem 26-jährigen Grünschnabel von Teamleiter nicht sagen, dass ihre Anrufdauerzeit weniger werden muss.

Wie geht das alte, gut bezahlte Personal mit euch um?

Absolut super. Die machen auch gern mal die Nachtschicht oder übernehmen diese. Dann sind sie allein auf der Etage. Hier bei DB Dialog legen sie sich oft mit den Chefs an und sind die einzigen, die den Mund aufmachen. Dafür sind wir sehr dankbar. Wir haben nur befristete Verträge. Da hält man die Klappe.