Waren das noch Zeiten, damals. Die Deutsche Bundespost und die sogenannten Postgiroämter: Man ging mit seinem Sparbuch in die Post rein, holte 50 Mark ab und gut war. Heute geht man in die Post rein und sollte vorher ein Training für Gefahrenabwehr erfolgreich bestanden haben. Denn wer meint, er komme mit dem Kauf einer Briefmarke davon, irrt. Ist Ihre Filiale die "Auserwählte", müssen Mitarbeiter jeden Kunden ansprechen und Produkte bewerben. Damit die Beschäftigten in der Filiale bei ihrem Vollzeitjob, der hart genug ist, die ständige Frage nach "Sie haben schon bei uns ein Girokonto?" nicht vergessen, stehen Vorgesetzte hinter ihnen.


Kunden sollen auf einmal Kunden werben

Es ist kein bedauerlicher Einzelfall, sondern knallharte Kundenakquise. In den Schulungsblättern der Postbank, die uns zugespielt wurden, heißt es darin harmlos "Direktansprache des Kunden". Es gibt Tipps, wen und wie man einem das Produkt andreht. Blasting News war in der Filiale 501, in der Brandenburger Kleinstadt Eberswalde. Hier bekamen wir den Tipp, dass am 29. Juni 2015 Kundenakquise stattfinden sollte. Unsere Reporter waren zu viert und gingen zu verschiedenen Uhrzeiten am besagten Tag in die Filiale. Ein junger Mann stand hinter den Schaltermitarbeitern, etwa 1,80 Meter groß, die Haare im rechten Seitenscheitel. Wir schätzen ihn auf etwa Mitte 20. Also noch sehr jung. Er stand konsequent hinter den sehr gestressten Mitarbeiterinnen (es waren nur weibliche Angestellte im Raum). "Wir müssen das machen", erklärte uns ein Informant aus einer anderen Filiale, der uns auch den Tipp zur betroffenen Filiale gab. "Da kommen die Regionalleiter und wollen uns auf die Finger schauen."


Ohne Flyer kommt man nicht weg vom Schalter

Es gebe immer bestimmte Produkte, die beworben werden müssen. Mal ist es Strom, dann Versicherungen, dann das vermeintlich kostenlose Girokonto. "Die Postkunden, die nur ein Paket aufgeben, sind genervt. Wir finden das auch unangenehm, gerade Stammkunden so zu belästigen", so der Informant weiter. Bei unserem Test in der benannten Filiale war die Bewerbung des kostenlosen Girokontos sowie Freundschaftswerbung angesagt. Kunden, es waren drei bis sechs vor uns in der Schlange, trauten sich oft nicht abzulehnen und hörten sich die Werbung sichtbar unfreiwillig an. Die Wartezeit verlängerte sich damit für uns erheblich. Das wisse die Postbank auch. Aber das Neukundengeschäft ist zu wichtig. Blasting News protokolliert den Ablauf, der bei der Aufgabe eines einzigen Briefes einsetzte.

Blasting News: "Wir möchten diesen Brief abgeben."

Postbank: "Haben Sie noch einen Wunsch? Sie sind schon bei uns Kunde?"

Blasting News: "Ja, sind wir. Keinen Wunsch weiter."

Postbank: "Wollen Sie noch Kunden werben? Es gibt tolle Prämien."

Blasting News: "Nein!"

Postbank: "Nehmen Sie doch hier noch den Flyer."

Blasting News: "Nein. Danke. Brauchen wir nicht."

Postbank: "Bitte warten Sie. Nehmen Sie ihn doch bitte mit."

Der Chef sitzt einem immer im Nacken

Es ist schon dreist, dass die Postbank uns überreden wollte, für sie die Neukunden anzuwerben. Im zweiten Beispiel wollte man uns das Girokonto aufschwatzen als wir sagten, wir wären keine Kunden. Die Mitarbeiterinnen hätten so handeln müssen. Denn sie wären überwacht worden. Das war auch für unsere Reporter unmissverständlich und deutlich sichtbar. Immer wieder stand der Postbank-Mitarbeiter fast direkt hinter der jeweiligen Mitarbeiterin. Blasting News beendete den Testlauf beim dritten Versuch, da die Mitarbeiterinnen die Situation unangenehm empfanden. Für uns steht abschließend fest: Im Fallbeispiel der besagten Filiale mussten uns Mitarbeiter aktiv ansprechen und haben die Verkaufsversuche mutmaßlich nicht nach einem ersten "Nein" unterlassen dürfen.

Klassische Post ist schon lange eine Bankfiliale

Für Kunden ist es häufig verwirrend. Sie gehen zunächst wie gewohnt in ihre bekannte Postfiliale und werden dann plötzlich auf Bankprodukte angesprochen. Postfilialen sind oft schon zu Bankfilialen umgewandelt worden. Das resultiert aus dem Flächenkonzept "Filiale im Wandel", welches bereits vor sechs Jahren gestartet war. Bis heute wurden viele klassische Postfilialen zu sogenannten "Postbank Finanzcenter" umgebaut. Auf der einen Seite ist das gut, weil so Postbank-Kunden, immerhin 14 Millionen an der Zahl, eine persönliche Beratung vor Ort finden können. Und eine solche Bank kann natürlich auch das Neukundengeschäft betreiben. In unserem recherchierten Fall bleibt aber festzustellen, dass Mitarbeiter und Kunden die Art und Weise als klare Belästigung empfinden. Wir übrigens auch.

Hier können Sie sich beschweren

Werden Sie in einem Postbank Finanzcenter ungefragt und wiederholt mit Produktwerbung angesprochen, obwohl Sie dies nicht möchten, sollten Sie sich direkt bei der Postbank unter 0228 5500 5500 beschweren.

Im Wiederholungsfall ist eine Beschwerde ratsam beim:

Bundesverband deutscher Banken
Ombudsmann
Postfach 04 03 07
10062 Berlin 

Fotorechte: DPDHL (Presse Deutsche Post), Postbank PR #Finanzen