Tatsächlich bringen extreme soziale Unterschiede in einer Gesellschaft oder einem Land die benachteiligten Menschen dazu, die Umstände einfach hinzunehmen und zu akzeptieren:

Das ist die Aussage des italienische Sozialwissenschaftlers Renzo Carriero, der während einer Wertstudie aus 44 europäischen Ländern auf dieses Phänomen stieß. Die gewonnenen Daten ergaben diesen schier unglaublichen Widerspruch. Das Verrückte daran: Die Armen - und nicht die Reichen sorgen dafür, dass eine Gesellschaft bei großen materiellen Gegensätzen nicht auseinander bricht. Dass Carriero Recht hat, beweisen beispielsweise die USA, wo allein der Glaube, dass Leistung sich auszahlt - oder zumindest auszahlen sollte, die Gesellschaft zusammenhält.

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Im „Land der Möglichkeiten“ kandidierte Trump mit dem Versprechen, für die Reichen große Steuersenkungen umzusetzen. Trumps Strategie Trotzdem erhielt er auch viele Stimmen von Geringverdienern. Und ebenso geben auch in Europa viele sozial benachteiligte Wähler ihre Stimme denjenigen, die sich ausdrücklich NICHT dem Kampf gegen soziale Ungleichheit verschrieben haben.

In Deutschland: Der Gegensatz zwischen arm und reich nimmt zu

Zu diesem traurigen Ergebnis kommt der Paritätische Wohlfahrtsverband in seinem Gutachten vom Februar 2016. Dies deckt sich auch mit Daten des Statistischen Bundesamtes. Der Wohlfahrtsverband sieht eine unverändert- hohe Zahl „armer Menschen“; trotz guter Wirtschaftslage. Reiche Deutsche Starke Lohn-Zuwächse bei hohen Gehältern seien dafür verantwortlich.

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Arbeiter, die wenig verdienen, erlebten dagegen kaum eine Lohnsteigerung. Wer aber Kapital besitze, könne dieses einsetzen, um damit zusätzlich Geld zu verdienen. Was aber das Ganze brisant macht, ist eine Mitteilung der Süddeutschen Zeitung, wonach der Anfang Oktober 2016 vorgelegte Entwurf zum sogenannten „5. Armuts- und Reichtumsbericht“ bei relevanten Inhalten „deutlich entschärft“ worden sei. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales, als Herausgeber, habe einfach gelöscht, dass Menschen mit mehr Einkommen größeren Einfluss auf politische Entscheidungen haben. Das macht stutzig.

Dass die Ungleichgewichte an Geld und Macht das Land trotzdem nicht aufspalten, mag vielleicht mit Carrieros` Erkenntnissen zu tun haben: Bei seinem weiteren Vorgehen hat der Dozent von der Uni Turin Erklärungsversuche geliefert: Demnach könnte es an Lobbys, wie auch Politikern und Medien liegen, dass sich in der gesamten Gesellschaft eine Art von Gleichgültigkeit verbreitet hat, die den Charakter einer „Gehirnwäsche“ trägt: Man lässt die Mächtigen einfach entscheiden.

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Wenn die Gesellschaft, (wie beispielsweise auch in Deutschland), einen gewissen Wohlstand erreicht hat und zumindest die Existenzgrundlagen der Mehrheit gesichert sind, wird die „#Armut“ als „relativ“ wahrgenommen und überblendet von anderen Gedanken. Etwa dem Streben, nicht auf Sozialleistungen angewiesen zu sein und unabhängig vom Staat leben zu können. („Arm“ ist per Definition der EU, wer mit weniger als 60% des mittleren Einkommens auskommen muss). Somit könnte man laut Carriero sogar Karl Marx bestätigt sehen, der davon überzeugt war, dass jede Gesellschaftsschicht dort verbleibt, wo sie ist: Die Menschen leben "gefangen in ihrer Klassenzugehörigkeit“. Sobald einer den sozialen Aufstieg geschafft hat, beginnt er sogleich in seiner neuen Werte- Welt zu funktionieren und zu denken: Die Einstellungen ändern sich; er gehört der neuen, sich abgrenzenden Schicht an. Das wäre die eher negative Interpretation aus Carrieros` Erkenntnissen. Die Hinnahme der gesellschaftlichen Gegensätze und die Duldsamkeit könnten allerdings auch positiv ausgelegt werden: Wohlstand und Fortschritt haben die Menschen „aus den Fesseln des Denkens befreit“. Der Einzelne kämpft nicht mehr direkt gegen die Ungleichheit an, sondern arbeitet daran, das Beste aus sich selbst zu machen. Und sich nach eigenen Möglichkeiten zu verwirklichen, um auf diese Art vielleicht doch noch den Aufstieg zu schaffen. #soziale Ungerechtigkeit