Nussbaum stellt deutlich fest, dass kein Staat in die Angelegenheiten eines anderen Staates eingreifen darf, um ihn zu zwingen, die notwendigen Voraussetzungen für den Erwerb men­schenwürdigen Lebens bereitzustellen. Militärische, wirtschaftliche und politische Sanktionen sind in ihrer Durchsetzung nicht allein dadurch zu rechtfertigen, dass ein Staat die Fähigkei­tenliste nicht anerkennt (vgl. NUSSBAUM 2010, S. 117). Ein solcher Eingriff gefährde die Staatssouveränität, die wesentlicher Bestandteil ihrer Sichtweise und ihres Gerechtigkeitsan­satzes ist.

Wenn Nussbaums Ansatz einerseits betont, dass menschenwürdiges Leben nur durch den Erwerb der Fähigkeiten möglich sei (vgl. ebd., S. 114) und zusätzlich deutlich sagt, dass die­se Fähigkeiten nicht nur als Anregung und Empfehlung zu verstehen sind, sondern als ein zu rechtfertigendes Ziel und eine Verpflichtung für alle Staaten (vgl. ebd., S. 117), so enthält dies, nach Auffassung der Autorin, eindeutig die Aufforderung, in jedem Land menschenwürdiges Leben möglich zu machen. Ist bei Nichtermöglichung des Fähigkeitenerwerbs die Menschenwürde dann nicht verletzt und dadurch eigentlich ein Handlungsanlass gegeben? Wird durch die Priorisierung des Prinzips der staatlichen Souveränität eine Chance, menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, zunichte gemacht?

Die Autorin sieht in Nussbaums Anliegen, die staatliche Souveränität zu schützen, ein wichti­ges Grundprinzip. Dadurch bietet Nussbaum zwar jenen Staaten, die sich der Verantwortung um die Durchsetzung der Menschenwürde entziehen wollen, einen Grund, sich nicht um die Umsetzung der Fähigkeiten zu bemühen. Diese Gefahr des "Nicht-Hinschauens" nimmt sie jedoch in Kauf, um dadurch zu verhindern, dass Eingriffe in Staaten nur vordergründig eine Durchsetzung der Menschenwürde anstreben, tatsächlich aber wirtschaftliche und finanzielle Eigenmotive verfolgen (wie z.B. der Vorwurf an die USA, Ölreserven zu sichern anstatt Men­schenrechte zu verteidigen).

Außerdem versucht Nussbaum damit wohl, das Wiederauftreten von kolonialen Mustern zu verhindern. Die Werte und Normen, die Ideen eines guten und wertvollen Lebens aus westli­cher Sicht, dürfen fremden Nationen nicht einfach "übergestülpt" und auf andere Kulturen mit verschiedensten historischen Vorgeschichten und Erfahrungen übertragen werden. Die Aus­wirkungen früherer Vorgehensweisen dieser Art sind noch heute in Entwicklungsländern, z.B. in Form von instabilen Regierungen, schlechter Infrastruktur sowie Verteilungsungerechtig­keiten zu erkennen. In dieser Hinsicht muss die Souveränität eines Staates nach außen, ge­genüber anderen Staaten, gewahrt werden. Nur bei "rechtlich definierten Verbrechen gegen die Menschlichkeit" (NUSSBAUM 2010, S. 117) sind, so Nussbaum, Interventionen anderer Staaten erlaubt, da das Prinzip der Menschenwürde in schwerwiegenden Fällen höher als das Prinzip der Staatssouveränität stehen muss. Nach Meinung der Autorin ist es zusätzlich wichtig, diese Rechtfertigungsgründe für eine Intervention unablässig zu diskutieren, zu überarbeiten und ethisch und kritisch abzuwägen. Nur so kann die Balance gehalten werden zwischen einem einerseits vorschnellen Eingriff und einer damit möglichen Schädigung funk­tioneller Strukturen und andererseits einem Nicht-Eingreifen bei Verletzung von Menschen­rechten. Eingriffe bedeuten hier jegliche Art politischer, wirtschaftlicher oder sonstiger Sank­tionen von "außen". Vor allem militärische Eingriffe jedoch bedürfen jederzeit einer beson­ders kritischen Abwägung und sind generell, was hier nicht weiter erörtert werden kann, frag­würdiges Mittel allerletzter Wahl. #Krieg