Der zweite Teil des Essays, der eine Antwort auf diese Frage finden will, stellt zunächst der Fähigkeitenansatz und dessen Definition von Menschenwürde näher dar.

Nussbaum stellt den Menschen als Individuum in den Mittelpunkt ihrer Argumentation. Auf Grund seiner Menschenwürde solle jeder Einzelne nicht nur die Möglichkeit und das Recht haben, dieselben grundlegenden Fähigkeiten wie andere Menschen zu erwerben. Er solle außerdem, da jeder Mensch über unterschiedliche Ausgangslagen (geistig, materiell, körper­lich...) verfügt, auch unterschiedliche Ressourcen in individuell benötigtem Maß erhalten, um dieselben Fähigkeiten wie andere Menschen zu entwickeln1. Sie betont damit, dass allein die Existenz eines Rechtes dessen Verwirklichung nicht garantiert, es braucht vielmehr die Mög­lichkeit, dieses Recht in die Tat umzusetzen, um durch Fähigkeiten Menschen in die Lage zu versetzen, menschenwürdig zu leben. In Entwicklungsländern bedeutet dies z.B. dass ein Staat wie Simbabwe, der die meisten Menschenrechtskonventionen ratifizierte und damit sei­nen Bürgern u.a. das Recht auf Bildung zusprach2, dieses Recht noch lange nicht in die Tat umsetzt und Kinder durch u.a. hohe Schulgebühren, politische Krisen und schlechte Infra­struktur keinen Zugang zu Bildung haben. Nussbaum formuliert deshalb zehn wesentliche Fähigkeiten, die einen minimalen Anspruch (Schwellenwert) nicht unterschreiten dürfen, der noch genauer zu definieren sei. Zu diesen zehn Fähigkeiten gehören unter anderem die Fä­higkeit, bei guter Gesundheit zu sein, Bindungen aufzubauen, sich mit Sinnfragen, Religion und Normen auseinander setzen zu können um seine eigenen Standpunkte zu bilden, grund­legende Fähigkeiten des Wissenserwerbs sowie die Fähigkeit, an politischen Maßnahmen teilzuhaben (vgl. NUSSBAUM 2010, S. 112-114).

Die Frage, ob die von Nussbaum aufge­führten Fähigkeiten ausreichend und passgenau sind, soll hier nicht weiter erörtert werden. Hingewiesen sei nur auf die Tatsache, dass Nussbaum selbst offen für Anregungen und dis­kursive Anpassungen der Liste ist (vgl. ebd., S. 115). Wichtig für die Fragestellung der vorlie­genden Arbeit ist, dass ihrer Meinung nach jeder Staat seinen Bürgern die Voraussetzungen zum Erwerb dieser Fähigkeiten ermöglichen muss, denn nur dann ist in einem Staat men­schenwürdiges Leben möglich (vgl. NUSSBAUM 2010, S. 110; S. 114).

Dies führt zur Ausgangsfrage zurück: Der Grundgedanke, was menschenwürdiges Leben ausmacht und was es hierzu braucht, sowie die daraus resultierende Verpflichtung für jeden Staat, dies zu ermöglichen, wirft die Frage auf, inwieweit und ob dies in einem diktatorisch regierten Staat überhaupt möglich ist.

In diktatorisch regierten Entwicklungsländern, wie z.B. in Simbabwe oder dem Tschad, sind die Voraussetzungen, diese Fähigkeiten zu entwickeln, meist gar nicht oder nur unzurei­chend vorhanden. Vielen Kindern ist z.B. der Zugang zu Bildung verwehrt oder das Gesund­heitssystem ist unzulänglich und nicht allen Menschen zugängig. Damit ist ein menschen­würdiges Leben nach Nussbaums Definition nicht gegeben. Um dies zu ermöglichen, müss­ten grundlegende und für alle Menschen im Staat gültige Voraussetzungen geschaffen wer­den, die wohl nur durch Handlungen einer Regierung durchgesetzt werden können, da damit erhebliche finanzielle und organisatorische Leistungen verbunden sind. Die Schaffung einer solchen Grundlage bietet einer Diktatur jedoch, die durch Gewalt, Geld und Korruption nicht primär auf das Wohlergehen ihrer Bevölkerung angewiesen ist, keinerlei Vorteile. Man könn­te sogar unterstellen, dass dies darüber hinaus selbstschädigend wäre: die Diktatur würde sich z. B. durch gebildetere Menschen selbst gefährden, deshalb ermöglicht sie nur einen beschränkten, unzureichenden Zugang zu Bildung. Da die diktatorische Regierung also kei­nerlei Schritte unternimmt, menschenwürdige Voraussetzungen zu schaffen, stellt sich die Frage, wie dem Anspruch des Einzelnen auf ein menschenwürdiges Leben dann entspro­chen werden kann und wer diesen Anspruch auf welche Art und Weise umsetzen muss.

1 NUSSBAUM, Martha C. (2010): Die Grenzen der Gerechtigkeit. Behinderung, Nationalität und Spezieszugehörigkeit. Übersetzt von Robin Celikates, Eva Engels. Suhrkamp Verlag. Berlin. Seite 110.

2 HOLSTEIN, Vera (2009): Menschenrechte in Simbabwe. Eine soziologische Analyse aus systemtheoretischer Perspektive. Masterarbeit. Grinverlag. Norderstedt. Seite 38f. #Krieg