Das Hauptproblem, mit dem sich dieser mehrteilige Essay beschäftigt, bleibt nun allerdings, trotz aller vorherigen Überlegungen, bestehen: Fest steht, dass Bürger eines diktatorisch regierten Entwicklungslandes kein, dem Fähigkei­tenansatz entsprechendes, menschenwürdiges Leben führen können und dass, obwohl auch jene Menschen einen Anspruch auf ein menschenwürdiges Leben haben, dies nicht durch Zwang anderer Staaten durchgesetzt werden darf. Wie aber kann diesen Menschen dann ein würdiges Leben ermöglicht werden?

Nussbaum nimmt hierzu, nach Meinung der Autorin, zu wenig Stellung. Sie bemerkt eher beiläufig, dass nur durch Überzeugungsarbeit gegenüber dem anderen Staat die Vorausset­zungen zur Ermöglichung menschenwürdigen Lebens geschaffen werden können (vgl. NUSSBAUM 2010, S. 117). Nach Auffassung der Autorin beinhaltet diese Aussage zunächst eine sehr wichtige Aufgabe: Durch permanente Überzeugungsarbeit und damit auch ein "in-die-Verantwortung-nehmen" der westlichen Staaten, wird kontinuierlich auf unwürdige Le­bensbedingungen in diktatorischen Staaten hingewiesen. Ohne wirtschaftliche oder politi­sche Sanktionen kann so durch ständige, negative Öffentlichkeitswirkung eine Art Druck von außen entstehen. Hierbei sollte Soziale Arbeit mitarbeiten, Menschenunwürdiges sichtbar und politisch verwertbar zu machen.

Nussbaums Fähigkeitenansatz bietet zur weiteren Beantwortung der Frage, wie menschen­würdiges Leben in Entwicklungsländern erreicht werden kann, keinen weiteren Vorschlag. Sie hält lediglich fest, dass das Prinzip der Staatssouveränität Teil der Überzeugungsarbeit sein muss, womit sowohl die Eigenbestimmtheit eines Staates nach "außen", aber auch die Eigenbestimmtheit eines Staates nach "innen" gemeint ist: Jede Politik in einem Staat muss auf der "Zustimmung der Bürgerinnen und Bürger" (ebd., S. 117) beruhen. Diese Aussage beinhaltet damit indirekt die Überzeugung Nussbaums, dass menschenwürdiges Leben nur in einem demokratischen Land ausreichend ermöglicht werden kann, denn in einem diktato­risch regierten Land sind viele Voraussetzungen der Fähigkeitenentwicklung nicht möglich. Diese können endgültig wohl erst in einem demokratisch regierten Land tätig umgesetzt wer­den. Nach Meinung der Autorin müsste dies folglich nach Nussbaums Ansatz heißen, dass in einem diktatorisch regierten Land zunächst Voraussetzungen geschaffen werden müssen (nämlich Demokratie), um dann die Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben (Fä­higkeitenentwicklung) zu ermöglichen. #Krieg