Der letzte Artikel schließt nun mit einem Fazit bezüglich der Frage, ob Bürgern diktatorisch regierter Länder ein menschenwürdiges Leben ermöglicht werden kann. Er schließt direkt an den vierten Teil der mehrteiligen Reihe des Essays an.

Es wurde nun festgestellt, dass nicht in staatliche Angelegenheiten eingegriffen werden darf. Wie aber können demokratische Voraussetzungen in einem diktatorischen Land dann erlangt wer­den? Nussbaum äußert sich hierzu nicht, daher sind die folgenden Gedanken Überlegungen der Autorin.

Überzeugungsarbeit muss nicht nur an Staat und Regierung, also "außen" ansetzen, son­dern kann auch von "innen", von Seiten der Bevölkerung kommen. Wenn eine Regierung ihre Bürger nicht - wie es sein sollte - durch gesetzliche Vorschriften und die bereitgestellten Voraussetzungen verpflichtet, die grundlegenden Fähigkeiten zu erwerben (wie z.B. Zugang zu kostenfreier Bildung), dann muss dieser Prozess sich wohl umkehren. Statt einer Top-Down- müsste also eine Bottom-Up-Strategie verwirklicht werden. Dabei müssten die Bürger von ihrer Regierung fordern, durch eine rechtlich bestimmte Bereitstellung der Voraussetzun­gen, zum Erwerb der Fähigkeiten "gezwungen" zu werden. Um dies möglich zu machen, be­darf es als Voraussetzung allerdings einiger Grundfähigkeiten, deren Aneignung mit Hilfe So­zialer Arbeit ermöglicht werden könnte. Beispielsweise ist es als Grundlage für demokrati­sche Entwicklungen unerlässlich, dass viele Menschen bereits frühzeitig Wissen erwerben und die Erfahrung machen können "als Wesen mit Würde behandelt zu werden, dessen Wert dem anderer gleich ist" (NUSSBAUM 2010, S. 114). Damit schafft Soziale Arbeit Fundamen­te, die auf kleinen Fortschritten und minimalen Veränderungen beruhen, die Hilfe zur Selbst­hilfe auf partnerschaftlicher Basis bieten müssen mit dem Ziel, diese Hilfe von "außen" über­flüssig zu machen und die kulturelles Verständnis und viel ethische Reflexion benötigen. Wenn durch finanzielle Mittel und strukturelle sowie infrastrukturelle Veränderungen bessere Zugänge zu Bildung, Gesundheit und selbstreflektiertem, diskursiven Lernen stattfinden kann, erlangen die Menschen ein natürliches Bewusstsein darüber, dass sie würdig sind und somit auch einen Anspruch auf Entwicklung bestimmter Grundfähigkeiten haben. Diese Art der Ermöglichung menschenwürdigen Lebens ist ein sehr langwieriger, kostenintensiver Pro­zess, der nachhaltig geplant und durch ständigen "Druck" (Überzeugungsarbeit) gegenüber der diktatorischen Regierung begleitet werden muss. Wichtig ist auch hier wieder eine stete und kritische Diskussion, damit Entwicklungshilfe in Form Sozialer Arbeit nicht nur dazu in­strumentalisiert wird, politische Veränderungen und Umstürze durch Unzufriedenheiten in der Bevölkerung zu provozieren. Voraussetzung dieser Art der Ermöglichung menschenwürdigen Lebens ist außerdem, dass der diktatorische Staat die Anwesenheit und Möglichkeit auslän­discher Entwicklungshilfe billigt. Tut er dies allerdings nicht, stellt sich schnell wieder die Fra­ge nach der Rechtfertigung eines Eingriffs.

Die aktuellen weltweiten Unruhen wie auch die Unruhen vor einigen Jahren in Tunesien und Algerien sind beste Beispiele dafür, dass diejenigen Bürger, die Einsicht in ihre Rechte und Ansprüche haben, auch innerhalb ungünstiger Bedin­gungen, politisch etwas bewegen können. Dies muss nicht zwangsläufig zu Gewalt und Auf­ständen führen, ist aber möglich, weshalb sich Soziale Arbeit dieser, zum Teil leidvollen Ent­wicklungsmöglichkeiten immer bewusst sein muss, um ihre Handlungen moralisch daran zu messen.


Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass nur in rechtlich vorgegebenem Rahmen ein Eingriff in diktatorische Staaten zur Durchsetzung von Menschenwürde rechtfertigbar ist. Werden hingegen "lediglich" die Voraussetzungen zur Entwicklung der Fähigkeiten nicht ge­schaffen, kann sowohl durch Überzeugungsarbeit gegenüber der Regierung als auch gleich­zeitiger Bildungs- und Befähigungsarbeit der Bürger, Druck aufgebaut werden, der sowohl "von außen" als auch "von innen" (von Seiten der Bürger gegen ihren Staat) ein menschen­würdigeres Leben ermöglichen kann. Soziale Arbeit kann dabei unterstützen, demokratische­re Strukturen zu schaffen und die Bürger zu befähigen, eine gefühlte Ungerechtigkeit anzu­prangern. So können diktatorische Staaten auf den Weg der Demokratie und damit auf den Weg der Menschenwürde gebracht werden. Nie vergessen werden sollte bei diesem Diskurs jedoch, dass jegliche Handlungen ethisch rechtfertigbar sein müssen, um die eigene Wertig­keit (einer Person oder eines Staates) nicht über die von anderen zu stellen. #Krieg