Im vorliegenden mehrteiligen Essay möchte sich die Autorin mit Hilfe des Fähigkeitenansatzes von Mar­tha C. Nussbaum mit der oben genannten Frage beschäftigen. Dabei soll im ersten Teil des Aufsatzes zunächst erläutert werden, warum diese Frage von Relevanz für alle Menschen und für Sozialarbeiter im Be­sonderen ist. Nach einer kurzen Vorstellung des Fähigkeitenansatzes von Nussbaum im zweiten Teil des Essays soll dargestellt werden, warum die oben genannte Frage explizit mit Hilfe dieses Ansatzes beant­wortet werden kann. Anschließend wird im dritten Teil die daraus resultierende Sichtweise und Beantwor­tung der Fragestellung nach Nussbaum folgen, begleitet von Ideen und Argumenten der Au­torin dieses Essays. Schließen wird die mehrteilige Reihe dann mit einer Antwort auf die Frage nach den Möglichkeiten eines würdigen Lebens für Menschen, die in einem diktatorisch regierten Staat leben.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird die Autorin dieser Arbeit (im Folgenden Autorin genannt) die männliche Form verwenden, schließt dabei die weibliche Form aber selbstver­ständlich immer mit ein.


Beginnend wird nun erörtert, warum eine Auseinandersetzung mit dieser Fragestellung sinn­voll und wichtig ist. Nach Meinung der Autorin beinhaltet das Thema "menschenwürdiges Le­ben" als Kernthematik die Beschäftigung mit der Frage nach sozialer Gerechtigkeit. Die Dis­kussion um menschenwürdiges Leben setzt voraus, dass die Annahme, jeder Mensch verfü­ge über dieselbe Würde und alle Menschen seien somit gleichwertig und gleichberechtigt, universelle Gültigkeit besitzt. Weltweit ist jedoch zu beobachten, dass zahlreiche Ungerech­tigkeiten und Ungleichverteilungen existieren und Menschen ungleichen Zugang zu Chancen und Ressourcen und sogar zu grundlegender existenzieller Bedürfnisbefriedigung haben. Dies sollte bei jedem Menschen, der die Würde seines Gegenübers anerkennt, ein Gefühl der Ungerechtigkeit und dadurch einen Wunsch nach Veränderung dieser Umstände hervor­rufen. Insbesondere bei Sozialarbeitern müssen diese Empfindungen Motivationsgrundlage sein um "soziale Gerechtigkeit zu fördern", denn laut dem Grundverständnis Sozialer Arbeit basiert diese auf der "Achtung vor dem besonderen Wert und der Würde aller Menschen" (IFSW/IASSW 2007, S. 2). Da diese in der heutigen Welt jedoch nur einem Teil der Mensch­heit tatsächlich zukommt, fordert die Fragestellung dieses Essays jeden Menschen und be­sonders Sozialarbeiter zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema der sozialen Gerechtig­keit heraus.

Martha C. Nussbaum beschäftigt sich in ihrem Fähigkeitenansatz mit eben dieser Problema­tik der sozialen Gerechtigkeit. Sie geht von der Idee der Menschenwürde als jedem Men­schen wesensimmanente Eigenschaft aus und gründet in dieser Annahme den Anspruch je­des Einzelnen, bestimmte Fähigkeiten entwickeln zu können, die ein Leben in menschlicher Würde ermöglichen. Ihr Ansatz soll klären, wie würdiges Leben für jeden Menschen möglich gemacht werden kann, unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht oder körperlicher und geistiger Konstitution. Daher kann mit Hilfe des Fähigkeitenansatzes die Frage nach Mög­lichkeiten menschenwürdigen Lebens in diktatorisch regierten Entwicklungsländern unter­sucht werden. #Krieg