Vor wenigen Tagen machte die Meldung eines chinesischen Forscherteams über deren Versuche mit den Genomen (der Ausdruck "Genom" steht für Gesamtheit der Erbanlagen eines Lebewesens) von menschlichen Embryonen die Runde und erregte großes Aufsehen: viele Kommentatoren, die meisten davon offenbar ohne jegliches Basiswissen über Genetik, verurteilten die Aktivitäten der Forscher und forderten ein internationales Abkommen gegen genetische Manipulation an Menschen ein. Für jeden, der auch nur ein grundsätzliches Verständnis von Genetik hat, muss dies sehr befremdlich wirken: zum einen haben die chinesischen Forscher an Embryonen gearbeitet, welche - laut den verfügbaren Daten - grundsätzlich nicht lebensfähig gewesen sind. Zum anderen haben sie versucht, die Abschnitte auf dem Genom zu verändern, welche als Auslöser einer ageborenen, potentiell tödlichen Bultkrankheit, der sogenannten "Thalassämie" bekannt sind - ihre Forschung ist also Teil des Versuchs diese Krankheit zu besiegen; dass dies von großer Bedeutung ist, steht außer Frage.


Man mag über den rechtlichen Status von Embryonen denken wie man will - die Embryonen, welche bei den Experimenten der Chinesen eingesetzt wurden, waren auf einer Entwicklungsstufe, welche noch weit von dem entfernt ist, was man normalerweise als "Menschen" (also einem lebensfähigen, sich weiterentwickelnden menschlichen Individuum) bezeichnen kann. Wenn überhaupt, dann waren sie auf dem "Weg dorthin", obwohl selbst dies sehr zweifelhaft ist, da sie, aufgrund bestimmter angeborener Defekt nicht wirklich lebensfähig gewesen wären. Auch haben sie, soweit man das aus naturwissenschaftlicher - also auf überprüfbaren Fakten basierender - Perspektive sagen kann, weder Schmerzen, noch sonst irgendetwas gespürt - um Schmerz, Freude, oder welche Gefühle auch immer spüren zu können, braucht man ein, zumindest sehr simples, aber doch funktionstüchtiges Nervensystem: diese Embryonen verfügten genau darüber nicht. Man könnte also sogar (und dies wurde in der Vergangenheit, bei ähnlichen Diskussionen auch bereits mehrfach getan) argumentieren, dass es viel "humaner" und viel moralischer ist, Experimente an menschlichen Embryonen durchzuführen, als an neugoberenen bzw. ausgewachsenen Mäusen, Ratten, Schweinen und Affen (welche alle hochentwickelte Nervensysteme aufweisen und nachweislich das, was von Menschen als "Schmerz" bezeichnet wird, wahrnehmen können).


Abgesehen davon, muss man zugeben, dass uns Menschen nichts anderes übrig bleibt, als die medizinische Entwicklung voranzutreiben und zu versuchen, neben den anderen Methoden, auch die Manipulation von Erbgut, zum Zweck der Heilung von angeborenen oder erworbenen Krankheiten als möglichen Ansatz zu verfolgen: Gerade in der heutigen Zeit, in der es immer mehr Menschen gibt und die Gefahr und Kosten von Krankheiten der unterschiedlichsten Art immer weiter steigen, müssen allen verfügbaren Möglichkeiten ausgeschöpft werden.


Dass bestimmte Menschen, aufgrund religiöser oder weltanschaulicher Überzeugungen dagegen sind, ist durchaus verständlich und auch legitim: ob es aber wirklich akzeptabel ist, dass aufgrunddessen einer Mehrheit der Menschheit bestimmte medizinische Behandlungs- und Heilungsmethoden verwehrt bleiben, ist mehr als fragwürdig.


Quellen:

Nature - Chinese scientists genetically modify human embryos

Nature - Scientists alter genomes of human embryos

The Independent UK - The mouse that shook the world


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