Familie Großmann* (*Name geändert) lebt im beschaulichen Wohnpark von Rüdnitz, einer verträumten Siedlung in der Nähe von Berlin. Im Internet präsentiert der Eigentümer, die Centermanagement GmbH in Jena (Thüringen), die Idylle in Inseraten als kinderfreundlich. Stimmt eigentlich auch. Am Ortseingang ist ein Platz mit Wohnungen herum, wo junge Familien im Hof feiern. Dann kommen Mehrfamilienhäuser. Darin lebt die Familie Großmann. Bald zog Uwe O.* (*Name geändert) neben den Großmanns ein. Der vermeintlich alleinstehende Mann vernahm plötzlich Gepolter, dann Geschrei, später Getrampel und es stampft manchmal, sehr schwer sogar. Uwe O. seine Lärmprotokolle sind so akribisch, dass selbst wir staunten. Minutiös wurde jeder Schritt dokumentiert und sogar Geräusche einer Schublade genau beschrieben - seit mehr als 18 Monaten, fast jeden Tag.

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Selbst wir brauchten zwei Tage, um die Protokolle vollständig zu lesen.

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Schweres Auftreten oder nur vom Klo gekommen?

Der Amtsdirektor für die Gemeinde, dem auch das zuständige Ordnungsamt unterliegt, will gegen die Familie bis heute keine Maßnahmen ergreifen. Denn Aussagen wie "schweres Auftreten mit anschließendem Rufen einer Person", kann man als Megaparty auslegen oder deren Ursache liegt realistisch darin, dass jemand durch die Wohnung von der Toilette ins Wohnzimmer läuft und nach einem Familienmitglied fragt. "Natürlich verursacht eine Familie mit Kleinkindern andere Geräusche, als Menschen, die alleine leben", sagen die Großmanns. Ohne gegenseitige Rücksichtnahme funktioniere es nicht. Trotzdem lebe die Familie seit Monaten gehemmt in den eigenen vier Wänden. "Frei fühlen wir uns nur, wenn O. weg ist."

Anzeigen wegen Körperverletzung durch Schubladen

Nachbar O. hört nun sogar das Wasser und es wird als laut definiert. Wöchentlich findet sich in seinen Protokollen der Vermerk "lautes Einlassen von Badewasser". Die Eheleute Großmann bekamen schon Strafanzeigen wegen Körperverletzung.

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Grund seien Geräusche wie "Schubladen zuschlagen", die O. als Beeinträchtigung seiner #Gesundheit empfand. Die Staatsanwaltschaft stellte die Verfahren ein. Inzwischen wären wieder Anzeigen von O. gestellt worden.

Das wollten wir selbst hören

Blasting News machte den Test und ging unbemerkt in die Wohnung der Familie, wenn O. noch nicht zu Hause war. Denn O. stehe häufig am Fenster und schaut, wer aus dem Haus kommt oder rein geht. Wir wollten unbemerkt bleiben. Während unser Recherchen notierten wir minutengenau jede Handlung. Unsere Dokumente vergleichten wir dann mit den uns nachträglich zugespielten Lärmprotokollen. Wir gingen davon aus, dass solche Protokolle nahtlos gefertigt werden. Denn seit weit über einem Jahr werden diese von O. geschrieben. So war es dann auch. Es gelang uns, eine Woche Protokollführung von Uwe O. in den Geräuschen zu definieren.

Lärmprotokoll versus Recherchen - vier Beispiele:

"Lautes Gepolter mit unbekannten lauten Geräuschen" - unser Ergebnis: Schließen eines Kippfenster..

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"Lautes Einlassen von Badewasser" - Wahrheit: Waschen der Hände, Dauer 25 Sekunden.

"Lautes Baden einer Person mit diversen lauten Geräuschen" - korrekt: Klospülung.

"Lautes Gepolter und schweres Auftreten mit immer wieder auftretenden Stampfen von 22:39 bis 22:40 Uhr" - Auflösung: Wir sind ins Bett gelaufen.

Der Vermieter antwortete auf vier Interviewanfragen von Blasting News nicht. Auch zwei E-Mails mit Fragen an die Geschäftsführerin wurden nicht beantwortet.

Hilfe bei Lärm unter Nachbarn:

Laut Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ist Lärm mit 63,6 Prozent der häufigste Streitgrund unter Nachbarn. Hilfe bekommt man beim Mieterbund in moderierten Gesprächen zwischen Nachbarn. Strafanzeigen unter Nachbarn machen wenig Sinn, da die Staatsanwaltschaft die Verfahren mangels öffentlichen Interesse häufig einstellt.

Ein Klassiker! Harald Schmidt erklärt den sinnlosen Nachbarschaftsstreit:

Fotos: Zwergen-Power, privat

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