Auf der Suche

Gerwin und die Maskenbildnerin spähen kurz hinüber. Da sitzt sie: Luise Maderer, bekannte Schauspielerin, und wartet auf ihr Casting. Ehrfürchtig nähern sich ihr die beiden, wollen sie loben für einen ihrer Filme. „Kitsch“- urteilt Maderer selbst und lacht abwinkend. Gerwin wechselt die Seite. Natürlich, völliger Kitsch. Die Maskenbildnerin kann die Tränen nicht zurückhalten. Ihr hatte der Film viel bedeutet.

Luise Maderer schluckt und betritt den Castingraum. Regisseurin Vera, gespielt von Judith Engel, begrüßt sie und Luise weiß, was sie zu tun hat. Sie würde den TV-Film, eine Neuauflage Fassbinders, gerne machen.

Doch Vera lacht unsicher. Sie weiß es nicht. Noch nicht. Das ist das Grundkonzept des Kinospielfilms von Nicolas Wackerbarth: Veras Suche nach der Idealbesetzung, die Grausamkeiten des Filmgeschäfts und ein die Seite wechselnder Gerwin.

Kunst und Geschäft

Gerwin, gespielt von Andreas Lust, ist eigentlich nur zum Lesen beim #Casting, doch bleibt während der hektischen Suche nach der Hauptperson die einzige Konstante, sodass er immer mehr in den Vordergrund rückt, besonders als die männliche Hauptperson abspringt… Die Castingszenen an sich: Grandios. Die Schauspielerinnen spielen von solcher Intensität, dass es einem am Ende Leid tut, wenn sie es nicht in den Film geschafft haben, bis man begreift, dass sie bereits im richtigen Film sind. Und das völlig zu Recht. Die Einblicke in die Castings sind perfekt aufgebaut und gewähren eine Einsicht in die Machtposition der Filmbranche.

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Schritt für Schritt verschieben sich die Machtverhältnisse, Vera wandelt sich von einer kritischen, niemals zufriedenen Regisseurin zu einer erschöpften, die vom Produktionsleiter angeschrien wird. Kunst ist immer auch ein Geschäft. Schauspieler auch Aushängeschilder. Und wenn Kitsch Maskenbilderinnen zum Weinen bringt, dann entweder aus dem Grund, dass sie das Geschäft nicht kennen oder die Schauspieler die Kunst nicht mehr sehen.

Wahrheit und Lüge

Sich in all diesem Trubel zurechtzufinden fällt schwer, besonders mit eigenen Träumen und Hoffnungen, wie Gerwin, der all die Konflikte am stärksten zu spüren bekommt. Was den Drehbuchautoren Hannes Held und Nicolas Wackerbarth hier besonders gelingt ist eine perfekte Vermischung aus den Filmmono- und Dialogen des Fassbinderfilms und des Films „Casting“. Teilweise so perfekt, dass die Filme ineinander verschwimmen und darum geht es wohl bei Filmen: Um Menschen und ihre Gefühle. Besonders auf den Punkt bringt dies die Szene, in der die vom Sender favorisierte Schauspielerin, gespielt von Andrea Sawatzki, Vera ihren Monolog ins Gesicht schmettert.

Schauspielern, die Texte so sagen können, dass sie einstudierte Texte und zugleich absolute Wahrheit sind, gehört die große Leinwand.

Irgendwo dazwischen

Dialektik scheint das leitende Wort des Films „Casting“ zu sein und er verwirrt auch: Wann genau wechselt der Film seine Richtung? Um wem geht es? Mit welcher Person fiebere ich mit? Was will mir der Film sagen? Vielleicht bleibt einem am Schluss nichts anderes übrig, als diese skurrile Welt zu beobachten, mit all der Brillanz, Komik und Dramatik und zu wissen, dass die Menschen, die Filme machen so sind wie die Menschen in Filmen. Dieser Film-im-Film-Film ist der beste Beweist dafür. #Filmkritik #deutscheFilme