Der Video-On-Demand-Sender Netflix hat früh erkannt, dass die Nachfrage an #Anime auch in der westlichen Hemisphäre alles andere als gering ist. Was folgt war der logische nächste Schritt: viele neue Serien der fernöstlichen Animationskunst wurden fürs eigene Programm verpflichtet.

Eine ihrer neuesten Anschaffungen hört auf den Namen "#Charlotte" und stellt eine Fantasyserie der besonderen Art da, bricht das Werk von Jun Maeda ("Little Busters!", "Angel Beats!", "Clannad") doch gezielt wie überraschend mit den Erwartungen. Dabei könnte der Anfang des Anime kaum durchschnittlicher sein.

In dieser Mischung aus Drama und Komödie beginnt alles, wie wir es aus tausend anderen, ähnlichen Produktionen bereits gewohnt sind.

Ein Junge mit übernatürlichen Fähigkeiten kommt auf eine Schule mit Gleichgesinnten, lernt Neues über seine Kräfte und stellt sich zusammen mit neuen Freunden allerlei Gefahren.

Zur Geschichte

Bei diesem jungen Mann handelt es sich um Yuu Otosaka, welcher die merkwürdige Macht hat, fünf Sekunden lang den Körper einer anderen Person zu übernehmen. Klingt vielleicht im ersten Moment gar nicht schlecht, nützt dem Protagonisten im Grunde aber herzlich wenig. Die knappe Zeit reicht gerade mal um einem schönen Mädchen in den Ausschnitt zu spannen oder bei Prüfungen zu schummeln.

Obwohl "Charlotte" zu diesem Zeitpunkt 100-prozentig auf Comedy ausgelegt ist, verspricht die Definition des Hauptcharakters bereits Abwechslung. Dieser ist nämlich weder der typische Alleskönner, noch der planlose Held wider Willen.

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Um genau zu sein ist er eher ein kleiner Widerling. Er verlässt sich auf sein gutes Aussehen, arbeitet nur dann, wenn es ihm hilft besser zu betrügen und hält sich selbst für den Besten, komme da wer wolle. Lediglich seiner kleinen Schwester gegenüber ist er ein liebevoller und gütiger Bruder.

Dieses Leben ändert sich abrupt, als die Schulsprecherin einer anderen Institution ihm auf die Schliche kommt. Mit Gewalt wird er zum Schulwechsel gezwungen - wie er jedoch bald erkennen muss, ist dies zu seiner eigenen Sicherheit. Schließlich gibt es viele, die auf Menschen mit seinen Kräften ein Auge geworfen haben. Sprichwörtlich, versteht sich.

Eine Kritik

Die ersten Folgen dieser 13-teiligen Anime-Serie sind, wie bereits angeschnitten, zum Großteil humoristischer Natur. Die Persönlichkeiten der Figuren meist auf eine bis maximal zwei übertrieben stark dargestellte Charaktereigenschaften begrenzt. Zu diesem Zeitpunkt sind es vor allem zwei Dinge, die den geneigten Zuschauer wirklich bei Laune halten.

Zum einen der absonderliche Humor, der Superkräfte in einem durchaus anderen Licht darzustellen versteht. Und auf der anderen Seite gelegentliche Ausbrecher im Niveau, die auf eine interessantere Handlung und vor allem tiefgründigere Persönlichkeiten hoffen lassen.

Der erste große Bruch ereignet sich schließlich zur Mitte des Anime, kurz nachdem die Welt und ihr Aufbau zur Genüge präsentiert wurden, der Humor sich langsam abzunutzen beginnt. Statt auf weitere Komik legt "Charlotte" eine halsbrecherische Wendung hin, schlägt deutlich düsterere Töne an.

Ein mutiger Akt, der zwar für eine deutliche Steigerung der Aufmerksamkeit seitens des Zuschauers führen, jedoch schon beim kleinsten Fehler das Werk in sich selbst zusammenbrechen lassen kann. Entgegen erster Erwartungen ist es Jun Maeda jedoch gelungen, die Dramatik dieses Parts nicht mit der vorangegangenen Prämisse kollidieren zu lassen.

Stattdessen wirft dieser Abschnitt viele psychologische Fragen und Tiefsinnigkeiten auf, kombiniert beide Ideen miteinander, was letzten Endes dazu führt, dass diese neuen Momente brutal wie ehrlich wirken. Ab jetzt ist es dem empathischen Zuschauer möglich, sich der Hauptfigur und wenigen Nebencharakteren tatsächlich verbunden zu fühlen.

Während sich die primär relevanten Charaktere weiter entwickeln, verschmilzt der anfängliche Geist des Lachens mit der später eingeführten Traurigkeit. Das Ergebnis balanciert auf einem Drahtseil zwischen psychologischem Anspruch und einem Schmunzeln im Gesicht. Bei einem Fehler droht ständig der Fall ins Lächerliche.

Ein GAU, der nicht eintrifft. Stattdessen nimmt sich das Werk auch nach einem zweiten grundlegenden Wandel genauso ernst, wie es dies zu Zeiten der ersten Neuauslegung bereits getan hat. Statt zwischen zwei Ideen/Genres hin und her zu springen, werden diese nun bis zum Ende in der Waagschale gehalten.

Was entsteht ist weniger der bloße Mix aus beiden Grundrichtungen, sondern eine echte Tragikomödie. Entsprechend gibt es kein reines Happy End, kein Zauberstab aus dem Feenreich, der alle Missetaten ungeschehen macht, alles Negative ins Gegenteil wandelt.

Was jedoch negativ ins Gewicht fällt, wird durch die vergleichsweise geringe Episodenzahl verschuldet. Auf dem Weg ins Finale wird der Anime von Minute zu Minute gehetzter, was letztendlich zu Problemen in der lückenlosen Darstellung führt. Zum Glück hält sich dieser Effekt dadurch in Grenzen, dass der passend gewählte Darstellungs- und Erzählstil dieses Problem eindämmt, ihm sogar entgegen wirkt.

Fazit

Der schöne, manchmal nichtsdestoweniger detailarme Anime "Charlotte" fängt relativ durchschnittlich an. Zu Beginn wird vor allem auf viel Humor gesetzt, Situationskomik, die dadurch entsteht, dass die hier gezeigten Superkräfte auch deutliche Nachteile mit sich bringen.

Zur Hälfte legt der Anime eine gekonnte Kehrtwendung hin, vereint Comedy mit Tragik, ohne die ursprüngliche Richtung aus den Augen zu verlieren. Dadurch entsteht ein spannendes, teils recht tiefsinniges, manchmal auch übertrieben dramatisches Werk, welches sich deutlich von vergleichbarer Konkurrenz unterscheidet, durch seine Alleinstellungsmerkmale bereits entsprechenden Anschauwert mit sich bringt.

Die Handlung ist abgeschlossen, wirft zum Abspann nur wenige verbleibende Fragen auf und hat glücklicherweise wenig Logikfehler. Zumindest keine, die deutlich ins Auge stechen, beziehungsweise nicht der absurden Welt an sich geschuldet wären.

Bewertung: 4/5**** #Kritik