Russland während der Moderne: die talentierte Tänzerin Dominika Egorova (Jennifer Lawrence) kann ihren Beruf als Primaballerina nach einem scheinbaren Unfall nicht mehr ausüben. Ihrem Traum beraubt droht sie zusätzlich die finanziellen Mittel zu verlieren, um ihre schwerkranke Mutter behandeln zu lassen.

Ihr Onkel, eine Regierungsbeamter in höchsten Stellen, kommt zu diesem Zeitpunkt wie ein Retter in der Not daher. Dieser möchte die Kontakte seiner Nichte nutzen, um eine Person von wirtschaftlicher Bedeutung zu beschatten.

Die Ereignisse überschlagen sich, am Ende hat Dominika mehr gesehen, als die Regierung bereit ist, an Wissen mit ihr zu teilen.

Nun hat sie lediglich die Wahl zwischen zwei Übeln. Sterben und ihre Mutter damit ebenfalls verdammen oder zu einer Geheimagentin werden, die Körper und Verstand gleichermaßen gegen den Feind einsetzt.

Einer echten Entscheidungsmöglichkeit beraubt wird die ehemalige Tänzerin in einem geheimen Projekt untergebracht. Hier wird sie zu einer Red Sparrow ausgebildet, einer Geheimagentin, die speziell darauf getrimmt wurde, Informationen jeglicher Art zu beschaffen; koste es, was es wolle.

Die Filmkritik

Der amerikanisch-österreichische Regisseur Francis Lawrence ("Die Tribute von Panem", "Wasser für die Elefanten") wagt sich mit "Red Sparrow" in ein heikles Genre, in welchem schon der kleinste Fehler unverzeihlich sein kann.

Sein Spionagethriller geht trotzdem viele Risiken ein, wagt sich bewusst, fast provozierend in Gebiete, die meist nur hinter vorgehaltener Hand als Informationen dienen dürfen.

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Hier zeigt Lawrence jedoch die ungeschönte Wahrheit; zumindest innerhalb des Filmuniversums.

Die Ausbildung, welche Protagonistin Dominka über sich ergehen lassen muss ist genauso demütigend, herz- wie gnadenlos, wie ihr Beruf in spe sein wird und ist. Bei der Präsentation wird wenig verschleiert - keine Anspielungen sondern lediglich blanke, visuell zu erfassende Tatsachen.

So offen wie hier nackte Haut gezeigt wird, so subtil ist im Gegenzug die Geschichte. Lawrence baut seine Erzählung absichtlich sehr langsam/bedacht auf. Er balanciert beinahe makellos auf einem Drahtseil zwischen einer ausreichenden Anzahl an Informationen und Szenen, die länger nicht hätten sein dürfen.

Dabei hinterlassen die einzelnen Szenarien genügend subtile Botschaften in Form von Handlungen, Änderungen in der Mimik einer Figur oder auch einfach nur durch ausgesprochenen Gedanken, dass es dem geneigten Zuschauer durchaus möglich ist, die nächsten Punkte - sogar das Finale - vorauszuahnen.

Jedoch ohne dies allzu einfach zu gestalten.

Positiv überraschend war es entsprechend, dass dies gelingt, ohne den Fokus auf die Handlung zu verlieren oder den Zuschauer zu sehr das Offensichtliche auf die Nase zu binden.

Durch diesen detailverliebten, gleichzeitig ehrlich brutalen Stil, bleibt das Interesse seitens des Kinogängers leicht erhalten, während "Red Sparrow" mit vielen, überraschenden Wendungen aufwartet, sich dabei jedoch nicht verrät, sondern der Erzählung weitgehend treu bleibt.

Einziger Wendepunkt in diesem Lobgesang stellt das Finale dar. Es ist zum Heulen, wenn ein Film es schafft, sich bis zum Ende alles offen zu halten, ohne gleichzeitig etwas zu verschweigen ... dann jedoch den unwahrscheinlichsten Ausgang wählt.

Sei es, um das Publikum ein letztes Mal zu überraschen oder auch nur, weil Regisseur und Drehbuchautor wirklich überzeugt von ihrer Entscheidung sind. Letzten Endes ändert dies wenig bis gar nichts an der Tatsache, dass der Ausgang der Geschichte arg weit hergeholt ist.

Der Versuch, einen ganz besonderen Punkt im Finale zu erreichen, macht viel von der Arbeit zuvor zunichte. Statt dem harten, eingeschlagenen Weg treu zu bleiben, versteift sich das Werk auf eine ungesunde Kehrtwendung.

Dadurch wird die zuvor gezeigte Geschichte zwar in keiner Weise unattraktiv, nichtsdestoweniger zieht diese Wendung das Niveau des gesamten Werks ein wenig nach unten. Zumindest, was die Handlung per se betrifft, die Schauspieler und ihre Ausarbeitung ist eine ganz andere Geschichte.

Stock und steif

So einfallsreich, fast schon ungeahnt clever "Red Sparrow" im Kern auch sein mag, so sehr leiden seine Darsteller unter den schwach ausgearbeiteten Figuren, die sie zu repräsentieren haben. Dies ist mit Abstand die größte Schwäche des Thrillers.

Vorne weg Jennifer Lawrence ("Silver Lings", "X-Men: Erste Entscheidung", "Winter´s Bone"), die in ihrer Rolle nur leidlich aufgeht. Die unnahbare Dominika, die sich nie in die Karten gucken lässt, wird von dem "Tribute von Panem"-Star zu distanziert verkörpert.

Es ist gut, wenn die Hauptfigur sich ihre Geheimnisse bewahrt und die nächsten Schritte nicht offen ausspricht, beziehungsweise offensiv andeutet, doch muss sich der Zuschauer auch mit diesem Charakter in irgendeiner Form identifizieren können.

Mitleid entsteht nun einmal nicht zwangsweise schon dadurch, dass wir das Leid der Protagonistin nur schwer mit ansehen können/wollen oder dadurch, dass sie sich negativ über ihre Situation äußert.

Jennifer Lawrence spielt ihre Figur in dieser Hinsicht zwar gut - ist Dominika doch gerade durch ihre Art der Verkörperung so eine interessante Figur -, leider jedoch auch übertrieben ausdruckslos.

Ihr scheint es sichtlich schwer zu fallen, zwischen den verschiedenen, subtilen Änderungen ihres Gemüts zu wechseln, versteift sich entsprechend zu sehr auf das Offensichtliche.

Bei Co-Star Joel Edgerton ("Warrior", "Der große Gatsby", "Zero Dark Thirty") sieht die Sache ein wenig anders aus. Der CIA-Agent, den Edgerton hier darstellt, leidet unter einer saumäßigen Ausarbeitung.

Hervorragend gespielt, doch im Kern bereits eine wandelnde, fragwürdige Entscheidung, den männlichen Hauptpart solch einen schlechten, viel zu sentimentalen Vertreter seiner Berufsgruppe sein zu lassen.

Edgerton holt zwar das Maximale aus diesem Zustand heraus, macht letztendlich jedoch keinen Unterschied. Dafür ist die Figur des Nate Nash zu zweidimensional. Ein gewöhnlicher Held in einem Film, wo es keine Helden gibt. Und der selbst alles andere als gewöhnlich ist.

Gerade dies könnte einen interessanter Twist in der Geschichte darstellen, wird nur leider nicht in dieser Richtung genutzt.

Viele der Nebenfiguren teilen sich auf die eine oder andere Weise die Probleme, unter, beziehungsweise mit denen die Hauptdarsteller zu leiden haben. Ausnahmen der Regel bilden hier Jeremy Irons ("Stirb Langsam 3", Batman V Superman") und Matthias Schoenaerts ("The Danish Girl", "Der Geschmack von Rost und Knochen")

Sowohl ihr Spiel, als auch ihre darzustellenden Figuren sind hervorragend.

Fazit

Francis Lawrence' Spionagethriller "Red Sparrow" ist ungewöhnlich offen, blutig und unangenehm ehrlich. Seine subtile, doch im Kern äußerst spannende Geschichte fesselt von der ersten bis zur letzten Minute. Kontrapunkte werden hingegen durch Schwächen in der Charakterausarbeitung und durch das blauäugige Finale geboten.

Unterm Strich ein sehr guter Film, der gleichsam viele Möglichkeiten verstreichen lässt und sich zum Ende hin nicht treu bleibt.

Bewertung: 3/5