Michael und Peter Spierig, die kreativen Köpfe hinter dem vielleicht nicht ganz so kreativem Horror-Massaker "Saw 8: Jigsaw", versuchen es dieses Jahr etwas subtiler. Mit "Winchester - Das Haus der Verdammten" nähern sich die Regie führenden Brüder dem klassischen Haunted-House-Horror und entfernen sich dafür von blutigem Geschnetzelten.

Fragt sich nur auf welche Kosten. Denn wer die heutigen Zuschauer gruseln möchte, ohne sie zwangsläufig zu schocken, muss deutlich feinfühliger arbeiten. Spannung entsteht durch das richtige Setting, den richtigen Aufbau, das richtige Bild zum richtigen Moment.

Wichtig ist ebenfalls ein zum Ziel strebender Plot, der die Atmosphäre nicht stören, sich aber noch weniger in die Länge ziehen darf.

Eine fühlbare Grenze gibt an, bis zu welchem Moment ein gewisser Grad der Spannung gehalten werden kann, bevor das Interesse wieder abflaut.

Diese zu überschreiten bedeutet, die Aufmerksamkeit und vor allem das Interesse der geneigten Kinogänger zu riskieren.

Entsprechend spannend war es zu beobachten, ob es den Gebrüdern Spierig gelingen sollte, mit der gegebenen Prämisse unterhaltsam wie gruselig eine Geschichte zu erzählen, die trotz allem nur existiert, um dem modernen Geisterfilm-Trend gerecht zu werden.

Und hiermit haben wir es zu tun: Der hoch dekorierte Arzt Dr. Eric Price (Jason Clarke) soll den Geisteszustand der alten Winchester-Witwe einschätzen; Erbin des gigantischen Waffenunternehmens. Diese lässt zu jeder Minute, an jedem Tag der Woche, ihr Haus erweitern.

Neue Räume werden geschaffen, alte versiegelt.

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Das Anwesen gleicht einer grotesken Gestalt, die nach Atem ringt. Schränke führen in andere Räume, Treppen ins Nichts. Wer würde so etwas bauen lassen, wenn das Gehirn noch nicht zu Käse geworden ist?

"Winchester" Kritik

Der unsinnig lange Anleser wäre natürlich per se nicht nötig gewesen, dient er jedoch einem Zweck. Ich hielt es für wichtig, vor der eigentlichen Kritik noch einmal darauf sprechen zu kommen, wie schwer es tatsächlich ist, alle benötigen Zutaten für solch einen Film im richtigen Verhältnis zu verwenden.

In "Winchester - Das Haus der Verdammten" ist dies nämlich nicht geglückt. Beziehungsweise nur in einigen, nicht weiter ins Gewicht fallenden Einzelfällen. Obwohl dies weniger mit dem Grundkonzept zu tun hat, als viel mehr mit der Unfähigkeit, konsequent zu bleiben, sich nicht dem billigen Klischee hinzugeben.

Die Ausgangssituation in diesem Horrorfilm gibt eigentlich alles her, was dieses Sub-Genre benötigt. Die alte, von der Welt abgeschottete Witwe. Das gruselige Haus der 100 Zimmer, an welchem Tag und Nacht, rund um die Uhr gearbeitet wird.

Oder auch die drogenbedingten Halluzinationen des Protagonisten, die langsam mit den Erscheinungen im Haus zu verschmelzen scheinen. Zum Einsatz kommen diese nützlichen Werkzeuge leider kaum bis gar nicht.

Nach einer guten halben Stunde beginnen die Ereignisse in "Winchester" das Geheimnis rund um das verfluchte Haus Stück für Stück zu entmystifizieren. Oben genannte Punkte bleiben dabei jedoch von Minute zu Minute weniger berührt, bis sie überhaupt nicht mehr relevant zu sein scheinen.

Alles dreht sich stattdessen um unnötig überzogene Antworten. Wodurch wurden die Ereignisse ausgelöst? Welchem Zweck dient das Winchester-Anwesen wirklich? Ach, ja: und natürlich: wie kann der Held all diese Probleme bewältigen und den Tag retten?

Jedes Mal, wenn sich eine solche Frage in "Winchester" beantwortet oder nachdrücklich beantwortet wird, fällt das Niveau des Rätsels Lösung niedriger aus. Gleichzeitig bleiben in neun von zehn Fällen lose Handlungsfäden zurück, die nie wieder in die Geschichte eingeflochten werden.

Sich selbst zu einem Trash-Film degradierend dümpelt "Winchester - Das Haus der Verdammten" inhaltstechnisch vor sich hin, fixiert auf einen ganz gewissen Ausgang, der den Weg dorthin obsolet macht.

Statt die Spannung weiter zu steigern und im Schatten, subtil zu arbeiten, werden hier und dort zwei halbgare Jumpscares eingebaut, die den Karren aber auch nicht mehr aus dem Dreck ziehen können. Ihn eher sogar weiter in den Mist rein reiten.

Zum Finale hin persifliert sich das Werk dann leider selbst, setzt auf billige Klischees bekannter Konkurrenztitel, hofft gleichzeitig, mit CGI und Bombast noch einmal müde Gemüter in den Sitzen wach rütteln zu können.

Das bisschen Trara und Geknalle geht schnell vorbei, hinterlässt mehr Fragen als Antworten und ist bestenfalls als reichlich unbefriedigend zu bezeichnen. Zu guter Letzt widerspricht sich das Drehbuch dann noch einmal wundervoll selbst und entlässt uns mit einem Seufzer in die Freiheit.

Danke, Helen Mirren

Neben dem lauwarmen Gemüsetopf, den ich hier als Vergleichswert für die durchgehend mittelmäßige schauspielerische Leistung der meisten beteiligten Akteure verwende, gibt es zwei erfreuliche Ausnahmen.

Eine davon hört auf den Namen Jason Clarke ("Planet der Affen: Revolution", "Zero Dark Thirty", "Everest"), ist seines Zeichens australischer Schauspieler und Träger der Hauptrolle in "Winchester". Die ersten dreißig Minuten mit ihm sind äußerst gelungen, Clarke untermalt die trübe Welt und ihre vernebelten Geheimnisse anständig, drückt ihr seine eigene Note auf.

Seine melancholisch-traurige Figur wird von ihm via passender, minimaler Gestik wie Mimik dargestellt. Das Ergebnis ist ein sympathisch-unsympathischer Mann. Ein Geschöpf der Widersprüche, mit welchem sich jedoch identifiziert werden kann.

Dieses Auftreten lässt, wie der ganze Film an sich, mit der Zeit nach. Um so weiter die Qualität der dargebotenen Handlung absinkt, um so belangloser wird das differenzierte Spiel des Herrn Clarke.

Zum Schluss ist er kaum mehr als der durchschnittliche Typ, der in solchen Filmen halt immer irgendwie mitten drin statt nur dabei ist. Seine Daseinsberechtigung verflüchtigt sich in den Erinnerungen genauso schnell wie die Details seines Gesichts. So einer halt.

Helen Mirren hingegen, die in diesem Werk die Hausbesitzerin Sarah Winchester verkörpert, schafft es, jede Szene, die sie beinhaltet, ein bisschen weniger belanglos erscheinen zu lassen.

Nicht, weil sie einfach nur gut spielt, sondern weil sie sichtlich das maximal Mögliche aus ihrer Figur heraus holt. Sie setzt ihre Rolle mit ganzem Einsatz um, lässt sich von den Beschränkungen des Drehbuchs nur marginal einschränken.

Fazit

"Winchester - Das Haus der Verdammten" beginnt spannend, beinahe vielversprechend, kann dieses Versprechen jedoch nicht halten. Abseits von zwei/drei Jumpscares hat das Dargestellte kaum Gruselwert, geschweige denn eine ausgereifte Handlung.

Das Spiel von Helen Mirren und Jason Clarke ist erwähnenswert gut; abseits davon hat das Werk der Spierig-Brüder jedoch keine Stärken. Das Potenzial mit dem verrückten Labyrinth von einem Haus wird nicht genutzt, stattdessen wurde sich auf Horror auf RTL-Niveau geeinigt, abschließend mit einem visuell übertriebenen Akt beerdigt.

Bewertung: 2/5**