Wen hatte Strafrichter Reinhard Bohn denn jetzt auf der Anklagebank des Bergisch Gladbacher Amtsgericht sitzen? Einen Straftäter, der eine ganze Gemeinde in riesige Aufruhr versetzt hatte, weil er ihr Wahrzeichen besudelte, oder einen Gentleman, der selbst nach Jahren seine damalige Geliebte schützen wollte?

Angeklagt war ein 28-jähriger Koch aus Bergisch Gladbach, der, laut Staatsanwalt, zu der getrennt verfolgten mutmaßlichen Mittäterin ein "näheres Verhältnis führte". Am 16. Mai 2015 habe sich der Angeklagte schuldig gemacht "Gegenstände, die dem öffentlichen Nutzen dienten" beschädigt zu haben. Demnach habe die Mittäterin einen obzönen Spruch auf eine Schautafel geschrieben, der Angeklagte habe das Wahrzeichen des Ortes, den Bechener Esel, mit roter Farbe besprüht.

Bei dem Esel handelt es sich um eine Skulptur der Künstlerin Heide Dobberkau von 1983.

Seltsame Einlassung

Schon die ersten Worte des Angeklagten waren seltsam: "Zu dem Zeitpunkt habe ich die Schuld auf mich genommen.“ Der Richter fragte sofort nach: „Und heute?“ Der Angeklagte mit fester Stimme: „Stehe ich immer noch dazu.“ Das Tatmotiv sei „Langeweile“ gewesen. Richter Bohn schlug eine Einstellung unter Auflagen vor. Zu den Auflagen sollte eine Zahlung von 600 Euro an die Gemeinde Kürten gehören. Die hatte den Hauptschaden mit eigenen Kräften beseitigt und dafür 85,68 aufgewendet. Weil Rückstände der Farbe nicht zu vermeiden gewesen wären, habe das Kunstwerk in gewisser Weise auch an Wert verloren.

Der ganz normale Wahnsinn an Amtsgerichten

Eigentlich wäre jetzt die Verhandlung zu Ende gewesen, doch der Staatsanwalt war noch ein Referendar und nun folgte der ganz normale alltägliche Wahnsinn an Amtsgerichten.

Der Referendar ist zwar einverstanden, braucht aber das telefonische OK seines Ausbilders. Er fängt also an zu telefonieren. Und das war, wie üblich, nicht der schnelle Abgleich, sondern das endlose Ringen um einen Gesprächspartner. Es ist zum Beispiel oft der Fall, dass der zuständige Ausbilder selbst an einer Gerichtsverhandlung teilnimmt. Nach einer gewissen Zeit versucht der Referendar dann, die für diese Fälle zuständige Bereitschaft zu kontaktieren. Und auch diese gingen durchaus nicht immer sofort ans Telefon, das sei der Alltag an den Amtsgerichten und würde viel Zeit kosten, erklärte Richter Bohn der Schulklasse im Zuschauerraum.

Überraschende Wendung wie im Fernsehen

Die Verhandlung stand nun wirklich wenige Minuten vor ihrem Ende. Da platze auf einmal einer Zuschauerin regelrecht der Kragen. Sie monierte, dass sie diesem Unrecht nicht weiter schweigend zuschauen werde. "Das finde ich nicht in Ordnung, wenn das jetzt so bleibt", so die Frau mittleren Alters. Der Angeklagte habe nichts getan, er habe nur der Täterin die Strafe ersparen wollen.

Der Richter machte sich umgehend auf den Weg, den Staatsanwalt [VIDEO] von seinen sinnlosen Anrufversuchen zurückzuholen. Der Angeklage räumte auf Nachfrage ein, dass er dabei gewesen sei, aber nichts gemacht habe. Der Staatsanwalt hielt die Erklärung für glaubwürdig.

Wer nun für die Eselei verantwortlich ist, soll nach weiteren Zeugenaussagen entschieden werden. Die mutmaßliche Mittäterin [VIDEO] soll ebenfalls geladen werden. Die Anklage gegen sie war vom Jugendgericht ohne Auflagen eingestellt worden.