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Achtung, diese Kritik enthält Spoiler.

Der Autor dieses Werks ist bekannt. Es handelt sich um niemand geringeren als Florian Henckel von Donnersmarck, Regisseur von Filmen wie „Das Leben der anderen“ oder „The Tourist“. Dementsprechend hoch sind die Erwartungen, besonders bei einem Film wie „Werk ohne Autor“, einem dreistündigen Geschichts- und Kunstdrama. Und da dieser Film ein Werk mit Autor ist, ist es nicht verwunderlich, dass das Drama die Schauspielelite Deutschlands versammelt und optisch viel zu bieten hat. Seien es die Handlungsorte in der NS- oder DDR-Zeit. Der Film fängt Schönheit ein, Tom Schillings blaue Augen, silberne Streifen, die vom Himmel segeln oder Paula Beers Gesicht im Kerzenschein.

Manchmal zu sehr, selbst brutale Kriegsszenen wirken mit zitternder Musik und im weißen Schnee wie Choreografien. Auf dem Film liegt eine wunderschöne Ruhe, jede Szene gleicht einem eigenen Gemälde. Doch vielleicht liegt gerade hier das Problem.

Flache Figuren

„Werk ohne Autor“ bleibt auf eine Art oberflächlich. Trotz all der inhaltlichen Tiefe, der Film bedient sich nicht nur an drei Phasen der deutschen Geschichte, sondern lässt auch keine persönlichen Dramen aus, lässt der Film einen nicht in die Figuren eintauchen. Zum einen, da er sich selbst nicht wirklich für seine Figuren interessiert, allzu klein wirken sie in der großen deutschen Geschichte und in der Bedeutung der Kunst. Zum anderen, da sich die Figuren nur sehr wenig verändern. Nur selten handeln sie aufgrund ihrer Konflikte oder ändern ihre Meinungen oder Gefühle.

Viel zu oft verwendet die Vaterfigur, zuerst großer Nazi, dann Anhänger des Sozialismus, der vor keiner Grausamkeit zurückschreckt. Einzig allein Kurt Barnert (großartig gespielt von Tom Schilling!) und seine Künstlerkreise wirken wie lebendige Menschen mit Zweifeln. Doch die Figuren haben trotz stärkster Probleme schwache innere Konflikte. Und selbst die Figur des Kurt verliert sich manchmal, so werden seine verrückt wirkenden Züge als Jugendlicher nie mehr aufgegriffen.

Nackte Frauen

Wirklich dramatisch allerdings ist das Frauenbild in diesem Film, der schon vor Kinostart von seinen Nacktszenen von sich reden ließ. Doch Nacktszenen an sich sind nicht das Problem, wenn die nackt gezeigten Personen keine Objekte sind. Doch das sind in diesem Film leider fast alle Frauen. Ellie, Frau von Kurt und gespielt von Paula Beer, zeigt sich in der ersten Szene als selbstbewusste Frau mit Meinung. Diese verliert sie allerdings auch nach der ersten Szene. Ab dann spielt es keine Rolle mehr, was Ellie denkt oder auch fühlt, wie sie mit Problemen umgeht oder ob sie sich wehren würde.

Im Fokus ist ab dem ersten Sex mit Kurt ihr nackter Körper. Während man in diesem Film die Frauen komplett nackt sieht, ist ein männliches Hinterteil das höchste der Gefühle und auch nur für wenige Sekunden. Auch die Frau von Prof. Seeband weiß mehr über ihren Mann als dieser denkt, doch niemals lässt sie davon etwas durchblicken, sodass sogar ihre Tochter sie für naiv hält. Kurts Mutter taucht nach dem Selbstmord des Vaters überhaupt nicht mehr auf. Der Mann ist eben der Maler und die Frau das Motiv.

Kunst oder Geschichte?

Während Nacktheit ein sich durchziehendes Thema ist, wirkt der Film ansonsten sehr geteilt, beinahe wie drei einzelne Teile – verständlich, da der Film auch in drei Phasen der deutschen Geschichte sowie in Kurts Künstlerleben spielt. Problematisch ist, dass in jeder dieser drei Phasen der Fokus anders liegt und die Frage entsteht: Geht es nun um die Kunst oder um die deutsche Geschichte? Im ersten Teil wirkt es, als müsse der Film aufzeigen, wie brutal die NS-Zeit war und erklärt Kurts Kunstinteresse mit folgendem Satz: „Alles was wahr ist, ist schön“. Zwei Aussagen, die nicht unbedingt zusammenpassen. Im zweiten Teil ist Kurt auf der Kunstakademie und lernt seine große Liebe Ellie kennen sowie ihren Vater, der seine Tante in der NS-Zeit hat töten lassen. Besonders dieser zweite Teil wirkt bloß wie eine Verbindung zwischen der Kunst und der Geschichte, da es in diesem eigentlich weder um das eine noch um das andere geht. Die Geschichte liegt zurück, die Kunst noch voraus und Ellie nackt im Bett. Auf die DDR und den sozialistischen Realismus wird nur angespielt. Schlussendlich befindet sich Kurt mit Ellie im dritten Teil in Düsseldorf an der Kunstakademie und sucht seinen Kunststil. Hier fließen all seine Erlebnisse endlich zusammen und zum ersten Mal entsteht eine noch nicht erzählte Geschichte – ein Werk ohne Autor. Bewegend ist der Monolog von Oliver Masucci, in dem dieser erzählt, wie er zu seiner Kunst gekommen ist, eben durch seine Geschichte [VIDEO]. [VIDEO]

Triptychon

Es wäre daher zu überlegen gewesen, den ersten und zweiten Teil in Rückblenden zu zeigen, da diese erst im Zusammenhang mit Teil 3 Sinn machen und sich dafür, dass sie sich erst am Ende erklären, zu lange hinziehen. So kommt die Frage auf, wofür diese gezeigt werden, wie Geschichte und Kunst zusammenhängen und was der Film einem erzählen will. Denn wenn Kurts Bilder Geschichte haben sollen, dann muss der Film selbst eine Geschichte sein. So bleibt man fragend vor einem Triptychon stehen und fragt sich, was der Künstler damit sagen wollte.

Macht der Kunst

Nach den drei Stunden haben sich die Figuren kaum verändert und alle Probleme scheinen in Luft aufgelöst. Die Kunst verbringt wahre Wunder, verscheucht die Bösen und belohnt die Guten. Der Film musste, vielleicht gerade aufgrund seiner unklaren Linie, ein sauberes Ende finden, das manche Zuschauer mit den Irrungen und Wirrungen versöhnt.

Werk mit Autor

„Werk ohne Autor“ ist sicherlich ein Werk. Ein Werk mit grandiosen Schauspielern, atemberaubenden Bildern, schönen Texten, Kostümen, Musik… aber es ist ein Werk mit Autor. Ein Werk, das nicht einfach entstanden ist, sondern das ein großes werden sollte, musste – unklar dadurch, dass die Leinwand schon vor Arbeitsprozess bemalt war. Es ist keine Geschichte, die für sich steht, weil der Maler zu bekannt ist. Und vielleicht ist auch dies eine Weisheit des Films: Ein gutes Bild erzählt etwas über seinen Autor, aber ein Autor erzählt nichts über seinen Film. Denn erst dann entsteht ein Werk. Ohne Autor.