In den vergangenen Jahrzehnten, hat die Medizin große Fortschritte gemacht – vor allem in der Diagnostik. Leider hängen wir im Bereich der Therapie in vielen Fällen noch mehr oder weniger hinterher. Dennoch sind alte Wahrheiten unverändert ein Faktum. Wie etwa jenes, dass nicht der Arzt den Menschen gesund macht, sondern dass der Körper sich selbst heilen kann und muss. Der Arzt kann hier “nur” helfen - was immerhin schon eine Menge ist. Doch selbst der beste Chirurg kann eine Operationswunde nicht mit einem Wunderwerkzeug verschließen, sondern muss sich darauf verlassen, dass der Körper selbst den Rest der Arbeit übernehmen kann, um etwa Wunde zu verheilen.

Auch der talentierteste Operateur hat lediglich Nadel und Faden, den Rest muss der Organismus leisten.

Biologische Wunder?

Wenn man sich mit der Biologie und den physiologischen Grundlagen der Medizin beschäftigt, wird man fast demütig angesichts der Schwerstarbeit, die der Organismus zur Heilung seiner selbst erbringt. Deswegen ist es umso wichtiger, den eigenen Körper gerade in der Zeit der Rekonvaleszenz (Phase der Erholung nach einer Erkrankung) pfleglich zu behandeln [VIDEO]. Viel zu viele Patienten stürzen sich zu früh zurück in die Arbeit. Ganz sicher bin ich niemand, der Patienten vorschnell krankschreibt, das ganz gewiss nicht. Doch hört man heute ohnehin eher die Frage, “wann darf ich wieder arbeiten” statt des “wann muss ich wieder arbeiten”, was früher doch schon häufiger war.

Wann sollte man daheim bleiben?

Aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen, sollte man sich strikt am medizinischen Allgemeinzustand des Patienten orientierten - und nicht an sozialen Faktoren. Schon gar nicht sollte man sich von echten oder vermeintlichen drohenden Karriereknicks irritieren lassen, welche die Patienten immer häufiger nach Krankheitsphasen befürchten. Was nützt die schönste Karriere einem Patienten, wenn er nach einem Schlaganfall zu schnell zurück in das Hamsterrad des Arbeitsplatzes kehrt und damit in nächste Katastrophe rennt?

Auf den Körper hören!

Gerade diese Patientengruppe hat eine merkwürdige Sehnsucht nach der Normalität, wie sie vor dem Schlaganfall war. Hier ist es besonders wichtig, neben einer richtigen Blutdruckeinstellung - und sonstigen medizinischen Maßnahmen - eine Lebensstiländerung herbeizuführen. Auch sind die Selbstheilungskräfte des Körpers, gerade bei jüngeren Patienten, oft sehr erstaunlich, wenn man dem Organismus ausreichend Zeit und Ruhe gönnt.

Mir fällt dabei der Fall einer Patientin ein, die schon sechs Schlaganfälle hatte, nicht mehr die aller allerjüngste ist und trotzdem noch - oder besser gesagt - wieder wie eine junge Frau durch die Gegend läuft. Die neurologischen Defizite haben sich bei ihr klinisch um bis zu 90% zurückgebildet, und das obwohl ein Blick mit dem MRT in das Gehirn diesen positiven Zustand eigentlich nicht vermuten lässt. Diese Patientin ist besonders interessant, weil sie weder exotische Diäten einhält noch anderweitige ungewöhnliche Maßnahmen ergriffen hat. Sie war zunächst in der Stroke Unit, sodann in der Reha und hat schließlich schlicht und ergreifend ihren Stress eigensinnig reduziert. Sie ernährt sich normal, aber ausgewogen; sie geht oft moderat wandern, macht täglich Gymnastik - und nimmt natürlich alle notwendigen Medikamente ein. Es ist höchst erstaunlich, wie sich selbst betroffene Areale an Mund und Arm bei ihr aus sich selbst heraus mit der Zeit geheilt haben.

Vernunft zählt!

Zu einer vernünftigen Haltung gegenüber sich selbst und seinem Körper gehört somit eigentlich nicht viel, und doch behandeln viele Patienten ihren Körper als sei er eine Maschine. Ich halte nichts, rein gar nichts von “Alternativmedizin” - aber was diese Kollegen richtig machen, ist den Patienten Zeit, Ohr und Geduld zu schenken. Der Organismus braucht das, um seine Selbstheilungskräfte voll ausspielen zu können. Unser Bauchgefühl ist dabei der beste Kompass. Es teilt uns mit, wann wir müde sind, durstig, hungrig, satt und dergleichen. Wenn man auf diese Signale hört, sie wirklich in aller Konsequenz ernst nimmt und Ihnen gemäß handelt, hat man im Grunde seinem Körper schon das Beste gegeben, das man ihm geben kann.