Wer kennt das nicht: man hat Kopfschmerzen [VIDEO], eine kleine Sportverletzung oder einen grippalen Infekt und braucht schnelle Abhilfe [VIDEO]. Viele Patienten greifen nach wie vor zum Wirkstoff Acetylsalicylsäure, bekannt unter dem Markennamen Aspirin oder ASS. Kaum zu glauben, aber wahr – das Präparat gibt es bereits seit 1897. Seit 1977 steht es auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation. Apotheker und Ärzte kennen viele Patienten, die noch heute auf diesen Wirkstoff schwören. Andererseits dreht diese Tatsache ebensovielen Ärzten den Magen um. Im Grunde findet man kaum noch einen Mediziner, der ASS verordnet.

Stattdessen werden modernere Wirkstoffe aus derselben "Familie“ (NSAR) von Präparaten gegeben, wie zum Beispiel Ibuprofen, Naproxen usw.

Ist Aspirin gefährlich?

Eine Ausnahme bilden die Kardiologen, ebenso wie die Neurologen, die z.B. Schlaganfallpatienten in der Nachsorge betreuen. Hier wird ASS in niedriger Dosierung zur ständigen Blutverdünnung eingesetzt und ist für viele Ärzte weiterhin ein Mittel der ersten Wahl. Warum also diese verschiedenen Meinungen zu diesem uralten, gut erprobten und bei den Patienten sehr populären Präparat? Aspirin hat neben vielen Vorteilen zwei ganz massive Nachteile: erstens hält die Blutverdünnung, selbst nach Gabe nur einer einzigen Kopfschmerztablette mit ASS, für mehrere Tage an. Was die Kardiologen freut, ist für die Chirurgen ein Albtraum.

Flapsig sagen manche Chirurgen, wer einmal einen Patienten unter Aspirin operiert habe, der wäre nicht besonders erpicht darauf, mit diesem Mittel jemals wieder etwas zu tun haben.

Die Sache mit dem Magen...

Hinzu kommt ein zweites Problem: Aspirin schädigt die Magenschleimhaut, und zwar derart, dass dies sogar lebensgefährlich werden kann. Lange dachte man, dies sei eine Folge des Kontaktes der Acetylsalicylsäure mit der Magenschleimhaut. Heute weiß man, dass der Mechanismus ein ganz anderer ist: über die so genannte COX-Hemmung werden die Magenzellen bei einem sauren pH-Wert besonders anfällig für toxische Schädigung. Das bedeutet, selbst wenn man ASS so verabreicht, dass sie keinerlei Kontakt mit dem Magen hat, wirkt sie trotzdem magenschädlich im Sinne einer erhöhten Blutungs- und Geschwürneigung.

Und jetzt?

Deswegen stürzte sich die Medizin ab den 1980er Jahren auf neue Wirkstoffe, die in die selbe Klasse wie ASS fallen. Dies sind z.B. vor allem das Ibuprofen und das Naproxen. Die Begeisterung war damals groß, das Marketingbudget ebenfalls und dieses Echo hallt bis heute nach.

So wurden diese Präparate Mittel der ersten Wahl bei Schmerzen und Entzündungen. Im Bereich der Chirurgie sind die Vorteile sicherlich nicht von der Hand zu weisen, da keines dieser neueren Präparate die Blutgerinnung so viele Tage nach einer einmalige Gabe vermindert, wie dies bei ASS der Fall ist.

Das Dilemma!

Außerhalb der Chirurgie ist die Lage verzwickter. Denn wie bei vielen neuen Präparaten, so haben sich auch die Aspirin-Nachfolger aus der Gruppe der NSAR über die Jahre als ähnlich magengefährdend wie ASS erwiesen. Hinzu kommen bei den „Neuen“ eine ganze Latte von Nebenwirkungen, die ASS in dieser Form nicht hat - jedoch auch hilfreiche neue Wirkungen. Selbst wenn alle diese Präparate in den Apotheken wie Bonbons in den Regalen stehen, sind sie doch allesamt potentiell riskante, aber eben auch für viele Menschen absolut notwendige Medikamente.

Außerdem ist zu beobachten, dass viele Kollegen sich mit den neueren Risikodaten zur Wirkstoffklasse der NSAR nicht wirklich intensiv befassen. Insofern steht man vor einem Dilemma, dass die Warnung vor ASS ihre volle Berechtigung hat, zugleich aber die neueren NSAR anhand der gegenwärtigen Studienlage keineswegs signifikant ungefährlicher sind als das Uraltmedikament. Keines dieser Mittel ist harmlos, sie alle haben potentiell bedenkliche Nebenwirkungen, sind aber gleichzeitig wertvolle Arzneistoffe, die in der Behandlung von Patienten unverzichtbar sind.

Das Dilemma wird weiter erschwert durch die Tatsache, dass die Studienlage zu den Risiken der verschiedenen NSAR keine Klarheit bringt. Man muss sich, im wahrsten Sinne des Wortes, die Finger wund recherchieren, um alte Marketingversprechen und nicht fundierte Meinungen hinter sich zu lassen, damit man zu soliden Studien vordringen kann. Doch selbst die einfache Statistik, um welchen Faktor sich gastrointestinale Nebenwirkungen unter Aspirin im Vergleich zu ihren Nachfolgern einstellen, ist kaum zu finden. Dieser Zustand ist frustrierend. Somit bleibt nur der Rat, Schmerzmittel immer in Absprache mit dem Arzt einzunehmen und die Hoffnung, dass die Pharmaindustrie bald mit etwas völlig Neuem aufwartet.