Es begann mit einem merkwürdigen Vorfall. Eine junge Frau, nennen wir sie Susanne B.* (21), eine Jurastudentin mit hoher Intelligenz - und vor allem kerngesund - wurde plötzlich komisch. Erst zeigte sich eine leichte Paranoia. Dann, an einem sonnigen Junimorgen, lag die junge Frau plötzlich apathisch im Berliner Hauptbahnhof. Zwischendurch stand sie auf, torkelte herum und griff Menschen verbal an. Es kam, wie es kommen musste: die Polizei lieferte sie in die Psychiatrie ein. Die Diagnose war flott gestellt, man meinte eine Psychose aufgrund von Drogenkonsum vor sich zu haben.

Eine Diagnose ohne nachzudenken!

Die üblichen psychiatrischen Medikamente brachten keine Linderung.

Susannes Gesicht wurde immer ausdrucksloser, der Blick starr. Ab und an blickte sie herum, wie ein Zombie, als würde sie halluzinierte Stimmen hören. Man behandelte an ihr herum, doch es ging ihr um keinen Millimeter besser. Eines Abends fand eine Pflegekraft sie in der Toilette auf dem Boden, blutend und desorientiert. Sie war nicht mehr ansprechbar, eine heraufziehende Katatonie zeichnete sich ab. Bald darauf zeigte sie Symptome eines epileptischen Anfalls.

Das Gehirn in Flammen!

Ein MRT und eine Computertomographie zeigten jeweils ein normales Gehirn. Kein Hinweis auf Entzündungen, kein Tumor, kein Schlaganfall, keine Einblutungen, einfach nichts. Ein Normalbefund. Nun stand die Diagnose Schizophrenie im Raum. Man war schon dabei, für Susanne eine Unterbringung in einem Heim zu organisieren, als einem jungen Arzt einfiel, dass er über einen ähnlichen Fall gelesen hatte.

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Denn das rasche Einsetzen der Symptome, der rapide Abbau der so hoch talentierten Susanne sowie die motorischen Symptome, unauffällige Hirn-Scans; das alles war mit einer Schizophrenie zwar irgendwie vereinbar, aber doch merkwürdig. Könnten die Mediziner sich komplett geirrt haben? Der junge Arzt wartete ab, bis sein “allwissender” Chefarzt in Urlaub fuhr und wandte sich an einen aufgeschlossenen leitenden Oberarzt, der am Thema PANS arbeitet. Beide entschieden, bei Susanne eine Probe des Nervenwassers zu entnehmen und an ein Speziallabor zu senden

Das Erstaunen war groß!

Als die Resultate kamen war der Schreck groß. Um ein Haar hätte man Susanne für den Rest ihres Lebens in ein Heim für geistig und psychiatrisch Erkrankte abgeschoben. Dabei hatte sie in Wahrheit eine heilbare Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis. Eine Art von Entzündung des Gehirns und des zentralen Nervensystems, die man auf keinem MRT oder CT sehen kann. Psychiatri­sche und neurologische Symptome bis hin zur Demenz sind dabei möglich.

Susanne hatte Glück, denn die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis ist nicht nur komplett kurierbar; wenn schnell genug gehandelt wird, heilt sie sogar ohne Restschäden ab.

Das dunkle Geheimnis!

Nach einer speziellen Art der Blutwäsche und anderen antientzündlichen Therapien war Susanne dann auch tatsächlich geheilt. Sie hatte Glück. Denn hinter vorgehaltener Hand fragen sich inzwischen viele Mediziner, wie viele der als chronisch schizophreniekrank diagnostizierten Patienten in den Psychiatrien und Heimen in Wirklichkeit eine Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis bzw. ähnliche Erkrankungen haben oder hatten und an deren bleibenden Folgen leiden. In Deutschland gilt die Charité in Berlin als das Kompetenzzentrum für die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis.

*Der Name wurde geändert, ist der Autorin jedoch bekannt.