Wenn Sie in Deutschland wegen Schmerzen zum Arzt oder in eine Klinik gehen, dann bekommen Sie mit einer ziemlich hohen Wahrscheinlichkeit den Wirkstoff Metamizol (auch bekannt unter dem ursprünglichen Markennamen Nolvagin) verabreicht. Die Tendenz des Verbrauches pro Kopf ist steigend, denn wir Ärzte in Deutschland lernen: Metamizol ist gut. Das bleibt ein Berufsleben lang haften und man schreibt ohne Sorge ein Rezept aus. Was man Ihnen nicht sagen wird ist, dass Metamizol in vielen westlichen Ländern verboten ist - und das aus gutem Grund. Denn es kann Sie umbringen. Das kann zwar fast jedes Medikament in der falschen Dosis, doch bei Metamizol liegt das Problem im Kern der chemischen Struktur.

Wie bitte?

Die Chance im Lotto zu gewinnen, beträgt rund 1 zu 140.000.000. Das Risiko wegen Metamizol eine Agranulozytose mit potentiell tödlichen Ausgang zu erleiden liegt laut Studien bei etwa 1 zu 1439. Das ist eindeutig zu riskant für ein Medikament im Massengebrauch! Sicher, Metamizol hat einige schlagende Vorteile gegenüber anderen Schmerzmitteln. Es gilt allgemein als deutlich weniger magenschädigend als ASS, Ibuprofen, Naproxen, Voltaren, also so genannte NSAR. Auch hat es angeblich kaum ein Suchtpotential, was bei Opiaten eine Rolle spielen kann, aber nicht muss.

Wahnsinniges Marketing!

Metamizol wurde seinerzeit als “Novalgin” von der damaligen Hoechst Pharma mit Wucht auf den Markt gedrückt. Ich erinnere mich noch gut daran, wie es mir in meiner Facharztausbildung als das Mittel der Wahl von meinem Chefarzt wie ein Wundermittel angepriesen wurde.

So hält sich die Popularität der Substanz in Deutschland bis heute, denn Ärzte verordnen einfach gerne, was sie aus der Facharztausbildung kennen. Rund 90 Millionen Tagesdosen Metamizol werden pro Jahr verteilt. Der helle Wahnsinn für ein Medikament, das in den angelsächsischen Ländern ebenso verboten ist wie auch in Skandinavien, in Japan, ja sogar Indien hat Metamizol vor fünf Jahren vom Markt genommen. Grund: als allgemeines Schmerzmittel zu riskant.

Was tun?

Nun wirkt Metamizol dennoch sehr effektiv [VIDEO] und hat auch die zuvor genannten Vorteile. Als Nischenprodukt für spezielle Patienten unter der strikten Aufsicht eines versierten Arztes kann es durchaus weiter eine Rolle spielen. Aber die Verteilung von Metamizol in Deutschland erinnert einen fast an den Bonbon-Regen an Karneval. Und das muss enden. Denn es ist klinisch nahe am Leichtsinn, ein Mittel massenhaft einzusetzen, das derartige Risiken hat, obwohl es Alternativen gibt. Sie sollten daher den beruhigenden Worten Ihres Arztes nicht kritiklos folgen, sondern ihm die entsprechenden Zeitungsartikel und Studien vorlegen.

Eine praktische Quelle, um diese Studien zu finden, sind die Fußnoten bei Wikipedia im dortigen Eintrag zu Metamizol, auch wenn Schwarmlexika wie Wikipedia ganz generell mit Vorsicht zu genießen sind.

Auf Alternativen bestehen!

Als das, was heute gerne als “Schulmedizinerin” beschimpft wird, bin ich eine Verfechterin der evidenzbasierten Medizin. Aber machen wir uns nichts vor: vieles in der Medizin, auch Häufiges, ist nicht ausreichend mit Studien untermauert, oder man trifft auf Studien, deren Intention manchmal dann doch etwas fraglich erscheint. Deshalb ist die Alternative zu Metamizol kein Kraut und auch kein Wunderkügelchen. Vielmehr sollte man als Patient aufgeklärt mit seiner Ärztin oder seinem Arzt das medikamentöse Behandlungskonzept besprechen. Und haben Sie keine Furcht, ihren Arzt auf die Gefahren des Metamizol hinzuweisen, wenn nötig auch mehrfach. Im Krankenhaus können Sie die Schmerzmedikation im Vorfeld durchsprechen, das ist ihr gutes Recht.

Ein Rat?

Im Rahmen eines Zeitungsartikels kann und sollte ich dem Leser keine konkreten Wirkstoffe nennen, zumal jedes Schmerzmittel [VIDEO] nicht ohne bestimmte Risiken ist. Mein Rat an Sie, liebe Leserinnen und Leser, ist daher: seien Sie mündige Patienten, recherchieren Sie und sprechen Sie mit Ihrem Mediziner. Ohne Aufregung, aber ernst. Verweisen Sie zum Beispiel auf den guten Beitrag von Joachim Neumann im Ärtzeblatt (Dtsch Arztebl Int 2009; 106(4): 55; DOI: 10.3238/arztebl.2009.0055c). Er fasst zusammen: “Aus klinisch-pharmakologischer Sicht ist deshalb vom Einsatz von Metamizol dringend abzuraten.”

Was tun, wenn Sie Metamizol schon einnehmen?

Auf gar keinen Fall sollten Sie Metamizol absetzen, wenn Sie es bereits einnehmen. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über die Situation und verweisen Sie auf die Sachlage. Ein eigenmächtiges Absetzen aus Angst wäre selbst bei Metamizol verantwortungslos.

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Dieser Artikel ersetzt keinen Arztbesuch. Alle Angaben wurden gewissenhaft recherchiert, eine Gewähr kann dennoch nicht übernommen werden!