In Deutschland finden Zeremonien mit Ayahuasca immer mehr Anhänger. Experten streiten: Ist dieses Urwaldgetränk nun eine Droge oder ein Heilmittel?

„Ich bin weder spirituell angehaucht, noch glaube ich an irgendeine Form von Hokuspokus. Aber ich glaube an das, was ich erlebt habe.“ Marco war Soldat, zuletzt in Kriegsgebieten im Einsatz. Er hat viel gesehen und kann nichts davon vergessen, so sehr er es auch versucht. Er sagt: „Ayahuasca hat meine Sicht auf mich und diese Welt verändert. Ich kann nicht genau in Worte fassen, durch welche Hölle ich in diesen Stunden meines Rausches gegangen bin, aber ich würde es wieder tun. Jederzeit.“

Ayahuasca, auch „Liane der Geister“ genannt, wächst im Amazonasgebiet.

Urvölker des Dschungels benutzen es seit Jahrtausenden als Heilmittel. Aber Ayahuasca bezeichnet nicht nur die Liane „Banisteriopsis caapi“, der Name steht auch für einen halluzinogenen Pflanzensud. Ayahuasca gilt als eines der stärksten schamanischen Heilmittel. Der aus mehreren ethnobotanisch bedeutenden Pflanzen des Amazonasgebiets gebraute Trank hat anscheinend durchschlagende körperliche und verblüffende psychische Wirkungen. Verantwortlich dafür sind Harman-Alkaloide, die ein bestimmtes Enzym im Körper blockieren und dadurch die Aktivierung des Wirkstoffs Dimethyltryptamin (DMT) herbeiführen.

Visionen aus früheren Leben

Der Gebrauch von Ayahuasca ist in Brasilien, Bolivien, Peru, vom Orinocodelta in Venezuela bis an die Pazifikküste von Kolumbien und Ecuador verbreitet. Sogar Ayahuasca-Kirchen etablieren sich dort.

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Doch mittlerweile muss man nicht mehr nach Peru reisen, um an einem Ayahuasca-Ritual teilzunehmen. Die Organisation „Ayahuasca International“ bringt den Urwaldtrank nach Europa und veranstaltet in verschiedenen Städten immer wieder so genannte „Retreats“ – mit Schamanen aus dem Urwald und dem echten Ayahuasca-Trank. Neben der Organisation gibt es selbstständige Schamanen, die Therapien mit Ayahuasca anbieten. Joven Murayari ist einer von ihnen. Er ist 35 Jahre alt, Meisterschamane der dritten Generation aus Peru.

Wie genau läuft nun aber eine Ayahuasca-Session ab? Begleitet von traditioneller Musik wird zuerst der Trank an alle verteilt, kurz nach der Einnahme müssen sich die meisten der Teilnehmer übergeben. Angeblich, so vermitteln es die Schamanen, beginnt genau in diesem Moment der Reinigungsprozess des Körpers. Viele Menschen berichten zuerst von einem unbeschreiblichen Glücksgefühl. Später würden Visionen aus ihrem früheren Leben einsetzen. Erinnerungen kämen ins Spiel und Bilder aus der Vergangenheit blitzen vor dem geistigen Auge auf.

Viele schreien, viele weinen.

Ayahuasca fällt unter das Betäubungsmittelgesetz

„Meine Seele hat sich in einer Phase des Rausches irgendwie von meinem Körper gelöst. Es fühlte sich an, als würde ich sterben. Aber es war wunderschön“, berichtet Soldat Marco. Für diesen Rausch gibt es eine wissenschaftliche Erklärung: Mit der Einnahme von Ayahuasca nehmen Teilnehmer einer Zeremonie den Wirkstoff DMT zu sich. DMT wird auch im Körper selbst produziert. Dieses körpereigene DMT wird speziell in dem Moment, in dem man stirbt, ausgeschüttet. Dadurch lassen sich die Nahtoderfahrungen erklären, von denen Menschen berichten, die knapp dem Tod entgangen sind – und eben auch Marcos Gefühl.

Seit Jahren beschäftigen sich Mediziner und Wissenschaftler mit der Rauschpflanze, auch Psychologin Dr. Janine Schmid. Sie hat zum Thema Ayahuasca promoviert, für ihre Dissertation hat sie Menschen zu deren Erfahrungen mit Ayahuasca befragt. Ihre Erkenntnis: „Auf manche Konsumenten wirkt diese Substanz positiv. Viele der Befragten berichteten von einer vollkommen neuen Sicht auf die Welt.“ Sie seien bewusster im Umgang mit anderen und disziplinierter. Viele berichteten, früher Drogen konsumiert, sich aber nach dem Ritual vollkommen davon abgewendet zu haben.

In Deutschland und vielen anderen Ländern Europas fällt der in Ayahuasca enthaltene Wirkstoff DMT unter das Betäubungsmittelgesetz. Die Ayahuasca-Liane selbst aber ist legal. Der Besitz von DMT-haltigen Pflanzen aus botanischen oder dekorativen Gründen ist also gesetzlich nicht verboten.

„Ahayuasca hat meine Sicht auf mich verändert“

Frank Löhrer, Experte für biogene Suchtmittel und Leiter einer Drogen-Rehabilitationsklinik in Rieden in der Eifel, gibt gegenüber Focus Online zu bedenken, dass solche „Drogen-Seminare“ ein Geschäft mit der Sehnsucht nach Exotik seien. Soldat Marco ist sich jedoch sicher: „Durch Ayahuasca habe ich die Schwermütigkeit, die mich tagtäglich begleitet hat, hinter mir gelassen.“

Trotz vieler positiver Erfahrungsberichte sind sich die Mediziner uneinig: Ist Ayahuasca nun Droge oder Heilmittel? Hokuspokus oder wirksames Naturheilverfahren? Der kanadische Anthropologe Jeremy Narby meinte dazu: „Der einzige Weg, es herauszufinden, ist, es auszuprobieren.“