Wer kennt das nicht: Da hat man einen Kollegen auf der Arbeit mal um einen kleinen Gefallen gebeten – und prompt bekommt man seine Hilfe immer wieder aufs Brot geschmiert, wenn es etwa darum geht, eine Gegenleistung zu erbringen: unliebsame Aufgaben, Extraschichten, Fleißarbeit. Und trotz allen Einsatzes fühlt man sich schuldig – schließlich wird der einst so hilfsbereite Kollege nicht müde, zu betonen, wie groß und rühmlich seine Hilfe damals war. Das nächste Mal, wenn Sie sich schuldig fühlen, fragen Sie sich unbedingt, ob Sie tatsächlich bei jemandem in der Schuld stehen, oder ob Sie schlicht manipuliert worden sind.

Im Manipulationfall handelt es sich keineswegs um eine wirkliche Schuld, sondern lediglich um ein Schuldgefühl – also den Anschein von Schuld.

Abhängigkeit von Manipulateuren

Schuld ist ein komplexes Thema, das viele Aspekte umfasst: ethische, soziale, rechtliche und psychologische.

Und gleichzeitig ist es ein anthropologisches Phänomen, das Mensch in allen Kulturen immer wieder aufleben lässt. Schuld ist etwas Tägliches und typischerweise kommt das Schuldgefühl gleich mit dazu – als etwas zutiefst Menschliches. Das Gefühl, bei jemandem in der Schuld zu stehen, ist äußerst unangenehm. Schließlich fühlt sich eine unerledigte Bringschuld auch immer wie eine Abhängigkeit an, bis man sich mit der Wiedergutmachung davon befreit. Und genau dieses Gefühlsphänomen machen sich Trickser zunutze. Im Job beispielsweise lassen sie uns gern glauben, wir hätten – mindestens moralisch – gar keine andere Wahl, als immer neue Forderungen zu erfüllen.

Menschen, die ihre Hilfe erst großzügig anbieten, dann aber Gegenleistungen fordern, die in keiner Relation mehr zum ursprünglichen Entgegenkommen stehen, nennt man Manipulateure.

Und die gibt es nicht nur im Privatleben, sondern eben auch im Job. Diese Trickser finden sich sowohl im Kollegenkreis als auch in der Chefetage – man muss sich gar nicht weit umsehen. Ihr Motiv: Sie setzen auf die Schuld-Taktik, um bei Kollegen, aber auch bei Höhergestellten oder Untergebenen die unterschiedlichsten Dinge einzufordern – etwa, wenn es darum geht, unliebsame Aufgaben zu verteilen oder etwaige Extraschichten abzuleisten.

Schuldschein für Kollegen

Typischerweise präsentieren Trickser ihren Opfern eine Hilfsaktion aus der Vergangenheit, in der sie sich als Retter hervorgetan haben. Vielleicht hat der Trickser mal – vermeintlich großzügig – einem Kollegen beim Erledigen einer Aufgabe geholfen, damit alles fristgerecht fertig wird, oder einen Dienst mit jemandem getauscht, der dringend Ersatz suchte. An dieser Stelle – so wird der Trickser künftig nicht müde, zu betonen – sei die Schuld entstanden, in der man nun stehe. Etwaige Zweifel an dieser Schuld tut der Blender mit vehementem Nachdruck und lauter Kritik ab.

Wer sich auf ein solches Machtspiel einlässt, wird sehr schnell feststellen, dass er ausgenommen wird wie die sprichwörtliche Weihnachtsgans.

Der ursprüngliche Gefallen, um den man seinen Kollegen vielleicht mal gebeten hatte, wird so zu einem Schuldschein, der mitunter Monate oder sogar Jahre lang immer mal wieder moralisch mahnend hervorgeholt wird, wenn etwas nicht so läuft, wie es sich der Trickser wünscht. Profiler [VIDEO] wissen: Bei dieser Art von Schuldscheinen handelt es sich lediglich um genau das, was es wortwörtlich sagt: den Schein von Schuld. Das aber gilt es erst einmal zu durchschauen, schließlich verstehen es Blender vorzüglich, den Anschein zu erwecken, es gäbe eine tatsächliche Schuld. Wer Opfer derartiger Manöver wird, hat sich tatsächlich ein X für ein U vormachen lassen und lässt sich emotional erpressen.

Trickser-Methoden

Damit ein Trickser dies möglichst lange machen kann, sammelt er vorab gern eine ganze Menge Hilfsaktionen, die er dann als Hilfs-Schuldscheine einsetzte, um seine Forderungen angeblich mit Fug und Recht durchzudrücken. Und dann sind da noch die scheinbaren Opfer-Schuldscheine, bei denen der Trickser auf die Tränendrüse drückt, um das Team dazu zu bewegen, seine Arbeit mitzumachen, weil es ihm ja so schlecht geht oder er enorme private Belastungen hat – oder, oder, oder. Welche Form auch immer der Trickser einsetzt: Es sind immer alte Kamellen, die wieder und wieder aufgewärmt werden, um dreiste – und vollkommen ungerechtfertigte – Bitten an seine Beute zu richten.

Die meisten Trickser sind bescheiden und sammeln nur kleine emotionale Schuldscheine, um sich anschließend auch mit einem relativ kleinen Gegenwert zu begnügen: Sie haben etwa Kopfweh, wenn es darum geht, eine Zusatzaufgabe zu erledigen.

Verhaltensregeln

Doch da sind auch die Nimmersatten unter den Tricksern, die um höhere Einsätze spielen. Und diese Manipulateure sind sich nicht zu schade, ihre Schuldscheine wild aufzuplustern, zu fälschen oder gänzlich zu erfinden. Diese Typen betrügen ihre Kollegen und Chefs dann ganz ungeniert, weil sie ja angeblich so viel Guthaben auf ihrem Leistungskonto haben, was angeblich keiner anerkennt. Und so fühlen sie sich berechtigt, um Arbeitszeit zu betrügen oder ganze Rufmordkampagnen anzuzetteln. Nicht selten werden derartige Exzesse sogar angekündigt und begründet: „Ich habe das lange genug ertragen!“, „Jetzt reicht es aber“ oder „Jetzt habe ich aber die Nase voll!“ sind typische Aussagen, die die Opfer vorab zu hören bekommen. Übersetzt heißt das, dass der Trickser findet, er könne nun an der großen Losbude des Lebens endlich seinen Preis abholen – selbst, wenn sein Schuldschein nur auf Lügen basiert. Typischerweise ist der sogenannte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, eine Kleinigkeit gegen das, was der Trickser dafür einheimsen will.

Was also kann man tun, um Blendern, die sich immer wieder auf eine vermeintliche, in der Vergangenheit angehäufte Schuld berufen, den Wind aus den Segeln zu nehmen?

  1. Abstand: Bevor man irgendetwas unternimmt, muss man auf Abstand zum Trickser [VIDEO]gehen – raus aus der Manipulationsblase und zurück zu sich selbst.
  2. Aufrechnung: Es gilt unbedingt zu checken, ob man sich tatsächlich verschuldet hat oder nicht. Es kann gut sein, dass der „Punktestand“ sogar zu den eigenen Gunsten ausfällt. Hier ist ein neutraler Blick vonnöten, um die Situation so zu sehen, wie sie wirklich ist.
  3. Abgrenzung: Generell ist es unerlässlich, sich abzugrenzen und mit Nachdruck klarzustellen, dass der sprichwörtliche Drops längst gelutscht ist. Im Prinzip genügen vier Buchstaben: Nämlich ein klares NEIN. Wer hier keine deutlichen Worte findet, läuft Gefahr, auf immer und ewig Spielball des Tricksers in dessen Machtspiel zu bleiben.