Jeder hat es schon mal erlebt: Man sitzt in einem Meeting oder in einer wichtigen Besprechung und hat das Gefühl, nur Bahnhof zu verstehen. Da man die Kollegen in einer solchen Situation nicht noch gezielt darauf stoßen will, dass man auf dem Schlauch steht, stellt man lieber keine Frage. Was aber wäre, wenn von den anderen auch niemand verstanden hat, um was es geht? Und zwar deshalb, weil der Vortragende gezielt auf eine abstrakte Sprache setzt, um zu verbergen, dass er selbst von Tuten und Blasen keine Ahnung hat? Profiler wissen: An dieser Stelle ist man Opfer eines Tricksers geworden, der bei seiner Wortwahl gezielt auf „Neusprech“ setzt, um anderen das Gefühl zu geben, nicht mitreden zu können.

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Als George Orwell 1949 seinen Roman „1984“ veröffentlichte, hätte er sich wohl nicht träumen lassen, dass viele seiner dystopischen Zukunftsfantasien tatsächlich einmal wahr werden würden. Orwell ist der Erfinder des „Neusprech“ – einer abstrakten und dogmatischen Sprache, die ausschließlich dazu dient, die wahren Inhalte und Absichten zu verschleiern. Etikettenschwindel, lautet hier das Stichwort. Bei dieser Trickserei handelt es sich heute in vielen Unternehmen um eine beliebte Methode, die dazu dient, Aufgaben zu verteilen, die niemand erledigen möchte oder die gleich gar keinen Sinn machen.

Kritische Rückfragen sind dabei selbstverständlich nicht erwünscht.

Mitarbeiter und Manager, die auf diese Art der Kommunikation setzen, haben ein klares Motiv: die ihnen Unterstellten sollen nicht mitreden können. Die Sprache soll sie ausschließen und ihnen zugleich deutlich machen, dass sie einen niedrigeren Status haben. Bei der Vergabe von Projekten etwa führt dies meist dazu, dass derjenige, der die Arbeit übernehmen soll, eingeschüchtert ist und sich nicht mehr traut, kritisch nachzudenken und nachzufragen.

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Nicht selten fühlt man sich nach den Ausführungen, die eigentlich erklären sollten, was genau von einem verlangt wird, dümmer als vorher. Beim nächsten Mal sollte man sich vor Augen führen, dass dies mit Sicherheit nichts mit einer mangelhaften Auffassungsgabe zu tun hat: Vielmehr hat der Kollege oder Chef in seiner einschüchternden Rede bewusst auf Codierungen, Veränderungen und Redefinitionen der Sprache gesetzt, um besonders gelehrt zu erscheinen und zugleich von der eigenen Unfähigkeit abzulenken.

Das perfide: Für den neutralen, uneingeweihten Beobachtern, der es nicht versteht, zwischen den Zeilen zu lesen, findet eine scheinbar positive oder neutrale Unterhaltung statt.

Neusprech soll im Betrieb dafür sorgen, dass Mitarbeiter gar nicht erst auf die Idee kommen, Projekte, Ideen oder Anweisungen kritisch zu hinterfragen. Die Worte des Tricksers sollen den Gedankenspielraum des Opfers nicht erweitern, sondern einengen. Neusprech ist eine verbale Kurzschrift, die oft eine ganze Reihe von Gedanken in ein paar Silben zusammendrängt und gleichzeitig doch genauer und zwingender ist als die Normalsprache.

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Die gekürzten Ausdrücke des Neusprech lassen sich rasch sprechen und hinterlassen ein Minimum an Assoziationen im Kopf des Sprechers. Genau das ist der Grund dafür, dass man sich bei der Vergabe eines Projekts nach der Erklärung oft genauso schlau fühlt wie zuvor. Kein Wort des Neusprech ist ideologisch oder emotional neutral. Es handelt sich nicht im klassischen Sinne um Lügen [VIDEO] – vielmehr setzt Neusprech auf Euphemismen, die die Wirklichkeit gekonnt beschönigen sollen. So kann es durchaus sein, dass man ein vermeintlich tolles Projekt oder Incentive übernimmt, nur um im Nachhinein festzustellen, dass einem der Chef quasi die Katze im Sack aufs Auge gedrückt hat.

Wer beim nächsten Mal gegen Neusprech-Attacken gewappnet sein möchte, kann folgende Tipps beherzigen:

  1. Klärung: Wer benutzt Neusprech, um was zu vermeiden und was zu erreichen? Die Beantwortung dieser Frage bringt oftmals sehr schnell Licht ins Dunkel.
  2. Risikobewertung: Wie mächtig ist diese Person und wie gefährlich wird es, wenn man das falsche Etikett abreißt und zeigt, um was es wirklich geht? Nur, wer das Risiko gut einschätzt, kann seine nächsten Schritte planen.
  3. Aufdecken: Wer genügend Macht hat, sollte die Tricksereien unbedingt aufdecken. Wenn der Trickser allerdings mächtiger ist als man selbst, lautet der Ratschlag: freundlich nicken und sich seinen Teil denken!