Die AfD ließ es stolz auf ihrer Facebookseite verlauten: Heute, am 19. Februar 2018 ist die rechtspopulistische Partei laut Insa Meinungstrend erstmals in den Umfragen vor der SPD gelandet. 16 Prozent der deutschen Bevölkerung würden demzufolge momentan am ehesten die AfD wählen – der zweithöchste Wert aller Parteien. Man stellt sich die Frage, warum? Wieso hat sich das Volk der Denker und Dichter, das Volk mit der wohl am stärksten polarisierenden Geschichte überhaupt, wieder dazu herabgelassen, eine Partei, die offen den Boykott türkischer Geschäfte fordert und sich damit wieder in die Nähe des nationalsozialistischen Vokabulars begibt, zur zweitstärksten Kraft zu küren?

Wer wählt die AfD?

Der Ursachenkomplex für den Aufstieg der AfD ist groß, viele haben mit mehr oder minder großem Erfolg versucht, eine Antwort auf das „warum“ zu finden.

Erst heute (Montag der 19. Februar) stand in der "Sächsischen Zeitung" ein Artikel zu diesem Thema. Eine große politische Umfrage der SZ hatte unter anderem das Phänomen AfD zum Gegenstand. Sämtlichen Teilnehmern wurden verschiedene Fragen zu ihrer politischen Sicht gestellt, diese dann unter wissenschaftlicher Mithilfe von Gert Pickel, Professor für Soziologie an der Universität Leipzig, ausgewertet. Eine interessante Frage war die nach dem Grund für das Kreuz bei der AfD. 77 Prozent gaben die Flüchtlingspolitik als Hauptgrund an. Aus dem Artikel ist nicht zu entnehmen, was konkret damit gemeint ist, ich unterstelle allerdings einmal, dass die allermeisten AfD-Wähler eher nicht bemängeln, dass zu wenige Flüchtlinge nach Deutschland gekommen seien.

Arbeitsplatz gefährdet?

Es wurden allerdings weitere Fragen im Zusammenhang mit der Thematik gestellt, so zum Beispiel das gute alte Arbeitsplatzproblem (36% der AfD Wähler , dagegen nur 12% der Nicht-AfD-Wähler bejahen die Frage danach).

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„Flüchtlinge nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ hört man ja oft genug. Einerseits könnte man jetzt sagen, Pech gehabt, wenn dir ein Syrer ohne Kontakte, Sprachkenntnisse und eventuell sogar Qualifikation deinen Arbeitsplatz wegnimmt, dann bist vielleicht auch einfach du das Problem. Aber wir wollten ja nicht allzu zynisch werden. In der Tat kann man nämlich auch sehr sachlich dafür argumentieren, dass diese Furcht unbegründet ist. Als 2016 gerade die große Flüchtlingswelle nach Deutschland schwappte, konnten die Flüchtlinge gar nicht einfach so auf „Arbeitsplätzejagd“ gehen (ich habe diesen Neologismus irgendwo mal im Zusammenhang mit der Thematik gehört, fand ihn recht amüsant); die ersten drei Monate dürfen sie gar nicht arbeiten, in den ersten 15 Monaten findet sogar noch eine sogenannte „Vorrangprüfung“ statt, das heißt, steht für einen Arbeitsplatz ein Deutscher/EU-Bürger bereit, dann ist dieser im Vergleich zu einem Nicht-EU-Bürger bevorzugt zu behandeln.

Dazu kommt noch die Tatsache, dass etliche Abschlüsse in Syrien, dem Irak und ähnlichen Ländern in Deutschland gar nicht/nicht gleichwertig anerkannt werden, die Flüchtlinge sich also erneut durch die Unendlichkeit der deutschen Bürokratie kämpfen müssen, um einen gleichwertigen Abschluss zu erhalten – nicht selten müssen ganze Studiengänge „nachgeholt“ werden.

Und trotz der Tatsache, dass diese Regeln die Integration der Flüchtlinge stark behindern, haben manche Deutsche nichts Besseres zu tun, als um ihren Arbeitsplatz zu fürchten.

Austausch als Chance

Ganz im Gegensatz dazu viele Arbeitnehmer: Sie forderten gar die Aufhebung/Senkung der Fristen, denn der Bedarf an Arbeitskräften ist groß – egal ob ihr Abschluss nun auf Arabisch oder Deutsch ist. Ein häufiges Argument, weswegen wir den Zuzug regulieren sollten, ist also, betrachtet man es genauer, völlig überflüssig. Mit anderen Argumenten kann man sich noch tiefgehender und intensiver auseinandersetzen, allerdings soll dies Gegenstand neuer Artikel sein.

Anstelle sich Sorgen um seinen Arbeitsplatz zu machen sollte man viel lieber die Chance nutzen und sich mit dem Syrer, Iraker oder Afghanen, der vielleicht neu am Arbeitsplatz ist, in der Pause über Kultur austauschen. Vielleicht mag er ja den gleichen Verein? Findet Green Day genauso cool wie ich? Schaut für sein Leben gern Monty Python? (Und bitte versucht nicht, eure neuen Freunde für Til Schweiger zu begeistern. Das ist gar nicht gut für den Prozess des Erlernens der deutschen Sprache) Und auch wenn nicht – wo ist das Problem?

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