Drogen sind ein heikles Thema, die meisten wissen wenig darüber, viele wollen auch gar nichts wissen, doch eine Meinung hat jeder. Drogensüchtige wären dumm und naiv und natürlich sind sie alle selbst an ihrem Elend schuld. Da liegt ein Mann in der Bahn, schlafend, die Flasche fest umklammert, dort sitzt eine Frau, deren Gesicht die Drogen zerfressen haben und zuletzt ein Mann, leblos und noch mit der Spritze im Arm. Solche Gestalten sollten einem zu denken geben, vielleicht sollte Mitleid in uns entstehen, doch ist die häufigste Reaktion Abscheu.

Sie werden gemieden, schief angeguckt und verurteilt. Aber ist das gerecht?

Sind Drogensüchtige Aussätzige?

Eines ist uns wohl allen klar, wir können nicht wissen, was in einem Menschen vor sich geht, vor Allem nicht durch einen flüchtigen Blickkontakt auf der Straße.

Die Menschen sind vielschichtig und ihre Probleme weitreichend. Es ist bei Drogensüchtigen genau deshalb nicht so einfach sie als „Asoziale“ abzustempeln. Einen Fall, den die Meisten kennen und welcher viele bewegt, ist Christiane F.. Sie ist das Paradebeispiel für drogenabhängige Jugendliche. Mit 13 Jahren begann sie mit dem Kiffen und mit 14 war sie bereits heroinabhängig. Ihre Geschichte wurde im Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ veröffentlicht und verbreitete sich schnell. Denn es ist endlich mal eine Erzählung, die nicht bewertet, sondern die aus ihrer Perspektive zeigt, wodurch diese Problematik entstanden ist.

Sie war nicht einfach ein kleines, verzogenes Mädchen dem langweilig war.

Es war ihr Leben, vor dem sie in die Drogen flüchtete. Ihr Vater schlug sie und verließ sie letztendlich.

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Ihre Mutter war nie da und es fehlte ihr an Durchsetzungsvermögen. Die Lehrer waren unpersönlich und gleichgültig. In so einer Welt fehlt es den Kindern an Selbstvertrauen oder überhaupt an einem Selbstwertgefühl. Erinnern Sie sich an Ihre Kindheit. Man wurde gelobt, bei seinem ersten Wort, man wurde gelobt bei seinem ersten Schritt und so ging es weiter. Die ersten Worte, die man schreiben konnte, die ersten Matheaufgaben.

Doch was ist, wenn all dieses Lob fehlt?

Wenn die Liebe der Familie fehlt? Man sucht andere Orte, andere Menschen, andere Arten, um zu zeigen, dass man etwas Wert ist. Doch genau diese Suche kann einen in die Drogen führen. Christiane F. suchte auch, genau wie die Freunde, die sie fand. Alle hatten eine schwere Kindheit, allen fehlte Sicherheit und besonders in so jungen Jahren ist der Umgang damit sehr schwer. Die Jugendlichen sind ratlos und neigen deshalb zu einem unserer Grundinstinkte, der Flucht. Sie wollen fliehen und sie versuchen es auch, aber sie wissen nicht genau vor was.

Vor ihren Eltern? Doch die sind schon immer so gewesen und werden deshalb von den Jugendlichen auch nicht als Problem wahrgenommen. Sie sehen es in sich.

Aber wie kann man vor sich selbst fliehen?

Auf räumliche Art eindeutig nicht. Da kommen dann die Drogen ins Spiel. Drogen nehmen einem den Bezug zur Realität, so ist es ihnen möglich sich eine Alternativwelt zu schaffen, die schöner ist. In ihr hören sie nicht mehr die Stimmen ihres Umfelds, sie würden nichts leisten und wären nichts wert, denn es ist ja ihre eigene Welt mit ihren eigenen Werten. Christiane F. hat genau das durchgemacht und am Ende auch scheinbar ihren Platz in der Welt gefunden, doch war dieser leider nur in Verbindung mit Heroin zu halten. Sie hatte Glück, dass ihre Mutter doch noch durchgegriffen hat, dass sie Mut gefunden und die Hoffnung nicht aufgegeben hat. So konnte sie ihre Jugend, im Gegensatz zu vielen ihrer Freunde, überleben.

Ich möchte den Drogenkonsum nicht schönreden, er ist ein großes Problem in unserer Gesellschaft und viele gehen daran kaputt. Aber ich möchte ein wenig Verständnis in den Menschen wecken. Natürlich hat nicht jeder Drogensüchtige diese Probleme, doch jeder hat welche, vor denen er flieht. Es ist eine unbewusste Abwehr, die Psyche kann nicht damit umgehen und versucht Alternativen zu finden. Da ist der Drogenkonsum die einfachste, allerdings auch die schädligste Möglichkeit.

Ich wünsche jedem, der vor unlösbar scheinenden Konflikten steht, die Kraft anders damit umzugehen und vielleicht sogar noch stärker aus ihnen herauszugehen.