Jung, brutal, vorhersehend?

Dass das Album JBG 3 von Farid Bang und Kollegah die Gemüter erhitzen würde, war von Anfang an abzusehen. Die Reihe ist seit jeher darauf ausgelegt, verbal auf den Putz zu hauen, anzugeben, zu provozieren, voll mit Testosteron politisch inkorrekt aufzutreten. So weit, so unspektakulär. Denn das alles mag ethisch eventuell fragwürdig sein, doch ist es in manchen Gattungen des Hip-Hop absolut nichts Ungewöhnliches.

Die Zeile, die hauptsächlich für Aufregung sorgte, befindet sich auf dem Song 0815, vorgetragen von Farid Bang, nicht Kollegah.

Bei 0815 handelt es sich um einen Bonussong, der auf dem Hauptalbum gar nicht gelistet gewesen ist. Neben besagter Auschwitz-Line ("Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen.") finden sich auf dem Song (wie übrigens auf dem ganzen Album) noch zahlreiche weitere Geschmacklosigkeiten, vor allem gegen andere Rapper, Frauen und Minderheiten.

Ist die besagte Zeile antisemitisch? Eher nicht.

Ist sie Anstoß erregend? Ja. Unpassend? Gut möglich.

Muss man das hören, feiern oder gar gut finden? Nein, sicher nicht.

Ist Rap des Öfteren mal politisch inkorrekt? Yo!

Szenecheck

Auch wenn sich der Autor dieses Artikels als Teil der Hip-Hop-Kultur versteht, ist er darum bemüht, eine gewisse Objektivität zu wahren. Es ist nachvollziehbar, dass Menschen, die mit diesem Genre wenig bis gar nicht vertraut sind, auf derartige Provokationen und Angriffe äußerst sensibel reagieren. Es soll hier gar nicht darum gehen, Farid Bang oder Kollegah des Antisemitismus zu bezichtigen oder sie davon freizusprechen. Die erwähnte Auschwitz-Zeile ist vielleicht nicht wirklich antisemitisch, aber sie ist mit Sicherheit geschmacklos. Das muss man nicht in Ordnung finden, kann (muss?) man kritisieren.

Dass es im Rap Akteure mit, sagen wir, speziellen Ansichten zu allen möglichen Themen gibt, ist nichts Neues oder auch nur irgendwie überraschend. Kollegah fiel auch außerhalb der JBG-Reihe durch explizite und teilweise krude Aussagen auf (z.B.: die Tracks Fanpost oder Apocalypse). Farid Bang auch. Er ist Farid Bang. Die Rapper Fard & Snaga sind für ihre Talion-Alben (Contraband) und pro-islamistische sowie contra-amerikanische Ansichten kritisiert worden. Der Song Charlie Hebdo von SadiQ schlug in eine ähnliche Kerbe und sorgte ebenfalls für Gesprächsstoff.

Das sind nur wenige Beispiele, die veranschaulichen sollen, dass bestimmte Tendenzen im Deutsch-Rap vorhanden sind. Eine Anti-Israel-Haltung gibt es bei manchen Rappern genau so wie Frauenfeindlichkeit, Homophobie, Drogen- oder Gewaltverherrlichung. Ist Hip-Hop deswegen per se antisemitisch? Gewaltverherrlichend? Frauenfeindlich? Homophob? Nein. Gab und gibt es diese und derartige Strömungen in gewissen Sub-Genres des Hip-Hop (wie etwa dem Gangsta-Rap)? Ja.

Doch Hip-Hop besteht nicht nur aus Gangsta-Rap oder Straßen-Rap. Auch aus Graffiti, Breakdance oder DJing. Politischem und progressivem Rap. Und die Kultur ist potenter als je zuvor.

Hip-Hop sieht sich selbst als Spiegelbild der Gesellschaft. Somit treten Probleme, die in der Gesamtgesellschaft existieren, natürlich auch im Rap auf.

Kalkulierter Tabubruch

Doch nun zu den Kernaussagen dieses Textes. Das Hauptproblem dieser Diskussion ist, dass sie an den meisten Stellen völlig falsch geführt wird. Leute wie Campino (siehe Echo-Verleihung) oder die Geissens (siehe RTL) sind wohl nicht die richtigen Ansprechpartner in dieser Angelegenheit. Campino hat es wahrscheinlich nicht böse gemeint, ist aber zweifelsfrei out-of-touch, versteht die Jugend nicht (mehr).

Personen, die Teil der Szene sind, die mit (auch härterer) Rap-Musik aufgewachsen sind, können über manche Provokationen verschiedener Rapper nur müde lächeln, sind damit vertraut, weil sie es kennen, weil sie in den meisten Fällen wissen, wie es gemeint ist/war.

Für mich ist eine andere Sache viel entscheidender: das Problem des geplanten Tabubruchs. Einer wie zum Beispiel Kollegah ist nicht ungebildet oder dumm. Der Mann wird sich im Vorfeld mit seinen Mitarbeitern, Rechtsanwälten und -beiständen abgesprochen haben, um etwaige Konsequenzen einschätzen zu können. Das Kapital ist mittlerweile ausreichend vorhanden. Man merkt deutlich die Vorausplanung, die Berechnung. Außerdem hat Kolle selber Recht studiert, wenn auch ohne Abschluss? Und am Ende ist die Taktik ja wunderbar aufgegangen (negative Publicity und so...). Das hat für mich persönlich einen fast noch schaleren Geschmack als irgendeine infantile Dreistigkeit. Denn im Rap sollte das gesagt werden, was gesagt werden will, ohne Rücksicht, ohne Schnickschnack. Allerdings nicht aus purer Kalkulation und mit Rechtsanwälten im Hintergrund.

Fazit

Eines steht fest: Wenn man Hip-Hop seiner Aggressivität, Verrohtheit und Frechheit beraubt, wie von manchen Instanzen (Hallo CSU!) gefordert, dann geht etwas Wichtiges verloren, für den Hip-Hop, für die Kunstfreiheit. Letzten Endes auch für die Gesellschaft.

In Zukunft wird es wohl noch viele solcher Debatten geben, da sich Deutsch-Rap auf einem nie dagewesenen Höhenflug befindet (Hallo Bausa, Rin, 187). Da ist noch massig Potenzial für Anrüchiges und Unkorrektheiten.