Evangelikal ist nicht gleich evangelisch

Es gibt noch immer Menschen, die evangelikale Gemeinden mit der organisierten evangelischen Kirche in Deutschland verwechseln. Dies rührt teils daher, weil diese zwei Wörter ähnlich klingen. Obwohl beide dem Protestantismus angehören, gibt es wesentliche Unterschiede. Ihre Wurzeln haben die Evangelikalen im englischen Methodismus, in der Erweckungsbewegung des 18. Jahrhunderts und im deutschen Pietismus. Das Wort evangelikal leitet sich aus dem Wort „Evangelium“ ab und nimmt Bezug auf die wörtliche Auslegung der Bibel.

Da sie sich als bibeltreue Christen verstehen, lehnen sie die liberale Theologie ab. In Deutschland wurde der Begriff „evangelikal“ erst in den 1970er Jahren eingeführt, um sich von der evangelischen Kirche abzugrenzen.

Schätzungen gehen von etwa 239 Millionen evangelikalen Christen weltweit aus. Einige Evangelikale erliegen einem religiösen Fanatismus und schießen sich den Fundamentalisten der Evangelikalen an.

In vielen Ländern arbeiten evangelikale Kirchen mit Strukturen wie Firmen. Die Haupteinnahmequelle ist bei den meisten der obligatorische Zehnte. Das bedeutet bibeltreue Zahlung von 10 Prozent des Lohns. Weiterhin sind an vielen evangelikalen Kirchen private Kindergärten, Schulen und Hochschulen angeschlossen, die einen monatlichen Tarif erheben. Weiterhin gibt es Kirchenverbände verschiedener evangelikaler Richtungen. Diese agieren wie Konzerne mit Kirchen an verschiedenen Standorten.

Evangelikale in den USA

In den USA gibt es eine sehr starke evangelikale Bewegung. Laut einer Studie des "Pew Forum on Religion & Public Life" aus dem Jahr 2008 wird der evangelikale Anteil in der amerikanischen Bevölkerung auf 26,3 Prozent geschätzt, was etwa 80 Millionen Menschen ausmacht.

Damit sind sie anteilig noch vor der katholischen Kirche und den protestantischen „Mainline-Kirchen“ in den USA vertreten.

Da die Kirchen einen sehr hohen Anteil der Bevölkerung ausmacht, sind ihre Stimmen im amerikanischen Wahlkampf sehr begehrt. Seit den 1990er Jahren hat es daher die Demokratische Partei der USA mit ihren liberalen Ansichten in Bezug auf Homosexualität oder Abtreibung sehr schwer Stimmen aus diesem Lager zu bekommen. Dagegen hat sich eine christliche neue Rechte in den Vereinigten Staaten herauskristallisiert, die aus Evangelikalen besteht und eine sehr einflussreiche Position in der Politik einnimmt. Zu ihnen gehören unter anderem George W. Bush, James Dobson, Pat Robertson, Franklin Graham oder Charles Colson. Laut ABC Newa wählten 2016 etwa 81 Prozent der Evangelikalen Donald Trump. Die Evangelikalen gehören zu einer sehr wichtigen Stütze des Präsidenten der USA.

Die Evangelikalen und Trump

Doch wie passt das zusammen? Auf der einen Seite gibt es über 60 Millionen bibeltreue Christen mit christlichen Wertvorstellungen und auf der anderen Seite einen Mann mit fünf Kindern von drei Frauen mit Ehebrüchen, von denen der heutige Präsident selber sprach, und Beschuldigungen von über 19 sexuellen Übergriffen.

Solange sich Trump den politischen und kulturellen Sorgen der Evangelikalen annimmt, wird auch schon mal über diverse Dinge hinweggesehen. Das erkannte auch der Historiker Neil J. Young, der die Zusammenhänge zwischen der religiösen Rechten und ihrer Verbindung zur Politik in den USA erforscht. Die Doppelmoral wurde ersichtlich, als der Fehltritt des ehemaligen Präsidenten der USA, Bill Clinton, an die Öffentlichkeit kam. Der bekannte evangelikale Prediger Franklin Graham verurteilte ihn und behauptete, wer seine Frau belüge, täte dies auch mit seinem Land. Bei Trump hieß es nur, dass er ja nicht der Pastor dieses Landes sei. Letztendlich ist hier auch die Religion nur ein Geschäft mit der Macht.