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Es herrschte Eskalationsrhetorik mit kindischem Beigeschmack. Kim Jong-un und Donald Trump verliebten sich in Ihre Atomknöpfe. Wer hat den größeren Atomknopf, mit dem ein Erstschlag eigeleitet werden kann, war die Frage, die noch vor wenigen Monaten auf Kindergartenniveau abgehandelt wurde. Beide Seiten prahlten mit ihrem Atomwaffenarsenal und mit ihren Langstreckenraketen, großkotzige Drohgebären waren aus beiden Ländern zu vernehmen - die internationale Politik hatte nun auch sprachlichen ihren Tiefpunkt erreicht.

Die Welt hielt den Atem an. Denn sowohl Donald Trump als auch Kim Jong-un gelten bis zum heutigen Tag als völlig unberechenbar: Zwei Hitzköpfe, die mit echten Waffen spielen.

Niemand wusste, was sie anstellen werden.

Weltweit war große Erleichterung zu spüren, als die Angst einflößenden Wortgefechte von einer Sekunde auf die andere durch fast schon freundschaftliche Deeskalationsgedanken ersetzt wurden. Nun sollte die Geschichte doch einen anderen Ausgang haben als befürchtet. Zum Glück! Das haben sich die beiden Kindsköpfe zumindest einmal vorgenommen.

Dabei hatte der Aufrüstungsprozess nie jenen Punkt erreicht, der ein ungefähres atomares Gleichgewicht herstellt, von dem ausgehend, gemeinsame Abrüstungsverhandlungen einen Sinn ergeben hätten. (NATO-Doppelbeschluss vom 12. Dezember 1979). Das könnte am Atomgipfel zu Problemen führen.

Welches Kalkül führte zum Umdenken?

Die Beweggründe, die zum Umdenken, zur diplomatischen Annäherung und wahrscheinlich zum Gipfeltreffen der beiden Staatsoberhäupter führen, bleiben bis heute schwer nachvollziehbar: Der US-Präsident wird mit Sicherheit von dem selbst auferlegten Vorsatz getrieben, alles einfach nur anders zu machen als seine Vorgänger.

Für Nordkorea war die Atombombe immer eine politische Überlebensgarantie, für die USA eine inakzeptable Bedrohung. Clinton, Bush und Obama bemühten sich vergeblich um einen Kompromiss, der militärisch vertretbar und somit politisch stabilisierend wirkt. Trump denkt eher an eine Art Geschäftsanbahnung, weniger an einen Kompromiss:

Gebt Ihr die Waffen ab, dann beginnt für Euch das Goldene Zeitalter und Ihr werdet reich und reicher.

Gleichzeitig dürfte ihm einer seiner engsten Mitarbeiter auch geflüstert haben, dass das Engagement für nukleare Abrüstung den Friedensnobelpreis in Aussicht stellen könnte. Schließlich genügte bei Obama bereits der Traum von einer globalen, atomaren Nulllösung, um diese hohe Auszeichnung feierlich überreicht zu bekommen. Und was Obama hat, das will Trump auch.

Donald Trump und sein nationaler Sicherheitsberater John Bolton sind außerdem überzeugt, dass primär ihre Kriegsrhetorik [VIDEO] Nordkorea eingeschüchtert und schließlich in die Knie gezwungen hat. Die Politik der scharfen Worte, aufgerüstet durch militärischen Drohungen, wird, so ist man im Weißen Haus überzeugt, auch den Iran an den Verhandlungstisch bringen.

Irrtum!

Eine Katastrophe führte zum Umdenken

Kim Jong-un kann bereits vor dem Gipfeltreffen zum großen politischen Sieger erklärt werden. Ihm ist es gelungen, von den USA als gleichwertige Nuklearmacht akzeptiert und zu Gesprächen eingeladen zu werden. Natürlich: Das nukleare Testprogramm hat unter Kim Jong-un eine neue, vor allem aber größere Dimension erreicht, die die USA aufhorchen ließen.

Auch wenn Nordkorea (mit größter Wahrscheinlichkeit) Langstreckenraketen noch nicht mit nuklearen Sprengköpfen bestücken kann, die sogenannte Demokratische Volksrepublik Korea hat sich durch seine Atomtests einen fixen Platz unter den Atommächten gesichert.

Genau genommen ist aber das atomare Testprogramm noch nicht abgeschlossen. Vielmehr hatte die Explosion einer Wasserstoffbombe im September 2017 dramatische Folgen. China, Nordkoreas großer Bruder, beorderte Kim Jong-un, als alle Untersuchungsergebnisse vorlagen, im März 2018 umgehend nach Peking. Was war geschehen?

Die Kernexplosion hatte ein riesiges Loch in den Mount Mantap gerissen, kurz darauf war die gesamte Atomanlage am Testgelände Punggye-ri, im Nordosten des Landes, zusammengebrochen. Chinesische Wissenschafter gehen davon aus, dass sich eine Art Kamin herausgebildet hatte, durch den Radioaktivität in höhere Luftzonen entweichen konnte. Nach der Detonation des bisher stärksten nuklearen Sprengkopfs in Nordkorea (100 Kilotonnen-Bombe) soll der Berg 700 Meter unter dem Gipfel kolabiert sein. Die Detonation hat aber nicht nur das Testgelände destabilisiert, sondern das Risiko einer Eruption des Vulkans Changbai erhöht. (Die Hiroshima-Atombombe hatte "lediglich" 15 Kilotonnen).

So gesehen kommt es wenig überraschend, dass Machthaber Kim Jong-un plötzlich auf weitere Atomtests verzichtet. Er lässt "die Vollendung des nordkoreanischen Atomprogramms" verkünden und spricht zudem von "einem großen Sieg, der zusätzliche Tests nicht mehr notwendig macht."

Unklar bleibt, ob Nordkorea tatsächlich zum kompletten, einseitigen Atomausstieg bereit ist, wie er von den USA gefordert wird. Hier schlägt wieder Sicherheitsberater John Bolton durch, der nicht nur darlegt, wie die Denuklearisierung Nordkoreas abzulaufen hat, der erneut arrogant und undiplomatisch droht: "Ihr werdet plattgemacht, wenn Ihr unsere Forderungen nicht akzeptiert." Bolton und Trump erinnern in diesem Zusammenhang an das Schicksal von Libyens Diktator Muammer al-Gaddafi und an jenes von Saddam Hussein im Irak. Zwei ausgesprochen schlechte Beispiele, die eher Nordkorea in die Karten spielen.

Schließlich hatte al-Gaddafi 2003, kurz vor der amerikansichen Invasion im Irak, auf die Weiterentwicklung von Atomwaffen verzichtet. Saddam Hussein hatte solche in Wirklichkeit nie besessen. Beide wurden de facto hingerichtet.

Nordkorea ist sich sicher, dass beide Machthaber sterben mussten, weil sie ihr Atomwaffenprogramm aufgegeben bzw. erst gar nicht in Angriff genommen haben. Die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA hat unmissverständlich klare Worte gefunden: "Die Geschichte beweist, dass eine mächtige nukleare Abschreckung das stärkste Schwert ist, um Aggressionen von außen zunichte zu machen."