Vaterschaft bedeutet für jeden Mann etwas anderes. Doch sie ist keine Privatsache, denn ohne Kinder stirbt ein Volk aus. Männer müssen also Väter werden, es sei denn sie können es ausnahmsweise nicht. Für die meisten Männer, mit denen ich in meiner Praxis gearbeitet habe, bedeutete die Vaterschaft eine starke psychologische Veränderung. In meinem therapeutischen Wirken habe ich herausgefunden, dass es zwar verschiedene Wege gibt, wie Männer die Vaterschaft verstehen und sich an sie anpassen können, aber dass sie letztendlich doch fast alle irgendwann erkennen, dass sie ohne Kinder nicht der wahrhaft reife Mann sind und sein können, der sie als Vater wären.

Schwangere Männer?

Die meisten der frischgebackenen Väter, mit denen ich arbeite, kannten die biologischen und hormonellen Veränderungen, die ihre Partnerinnen durchlaufen haben, aber wenig bis gar nichts über ihre eigenen biochemischen Veränderungen, die werdende und neue Väter feminisieren.

In den Wochen um die Entbindung [VIDEO] herum sinkt der Testosteronspiegel, da Prolaktin, Vasopressin und andere Hormone zunehmen und das Gehirn eines Mannes neu verdrahtet wird, um ihn auf die Vaterschaft vorzubereiten. Ganze Bereiche des Gehirns eines Mannes wachsen und entwickeln sich als Reaktion auf hormonelle Veränderungen im ersten Lebensjahr eines Kindes, die ihm entscheidenden Fähigkeiten für die Betreuung [VIDEO] eines Neugeborenen intrinsisch zu vermitteln.

Vaterschaft als höchster Wert

Während jeder Mann auf diese biologischen und hormonellen Veränderungen unterschiedlich reagiert, berichten die Männer, dass die Annahme traditioneller männlicher Geschlechterrollen für sie ein zweites Erwachsenwerden bedeutet hat. Die Vaterschaft wird so zum edelsten Zwecke des Mannes und zu seinem wichtigsten Lebensinhalt.

Eine medizinisch gut versorgte Kultur braucht 2,1 Kinder pro Paar in heilen und konservativen Gesellschaftsstrukturen, circa 2,9 Kinder pro Paar in postmodernen Gesellschaften, um nicht auszusterben und etwa 3,8 Kinder pro Paar in sterbenden Kulturen wie der unseren. Welchen höheren Wert als die Elternschaft kann es da geben?

Beziehungsänderungen

Viele Männer wissen nicht, wie sehr sie sich auf ihre Partnerinnen verlassen, wenn es um primäre emotionale Unterstützung und Intimität geht, bis diese in der frühen Vaterschaft plötzlich verloren geht. Die größten Veränderungen treten oft auf dieser Achse auf. Monate, bevor das Baby ankommt, steht die Notwendigkeit, sich zu streiten, zu verhandeln und Konflikte um die Elternschaft zu lösen, im Mittelpunkt. Dabei stehen Sex und Beziehungszufriedenheit nicht mehr im Vordergrund. Für einige Männer ist die Erfahrung, den ausschließlichen emotionalen Fokus ihrer Partner zu verlieren, während sie dramatische hormonelle Verschiebungen durchlaufen, frustrierend.

Weinerlichkeit ist jedoch fehl am Platze. Die eigene Kultur in die nächste Generation zu tragen ist wichtiger als jede Art der sonstigen ehelichen Sexualität. Männer vergessen zu oft, wozu ihr Schöpfer sie mit den entsprechenden biologischen Werkzeugen ausgestattet hat. Das verursacht dann oft emotionale Unruhe, Traurigkeit und Verletzlichkeit. Hier heißt es zusammenreißen und sich klarmachen, da man Teil eines Großen und Ganzen ist. Eheliche [VIDEO] Sexualität dient der Fortpflanzung, dann kommt lange nichts, dann der Spaßaspekt. Das müssen viele Männer neu oder erstmals lernen.

Veränderungen, die tief gehen

Während viele der Veränderungen, die mit der Vaterschaft einhergehen verwirrend, beängstigend, schmerzhaft und transformativ sind, bietet die Vaterschaft auch Raum für Reparatur, Heilung und Wachstum. Die Vaterschaft ermöglicht vielen Männern eine zweite Chance, Reifedefizite anzugehen und Teile ihrer Identität neu zu entwickeln. Keine der psychologischen Aufgaben der Vaterschaft sind einfach. Aber sie sind allgegenwärtig, damit normal und somit auch richtig. In individueller Therapie habe ich viele Männer wachsen sehen, während sie Väter wurden. Jeder Mann wird die Vaterschaft anders erleben, aber alle werden mit ähnlichen psychologischen Herausforderungen auf biochemischer, relationaler und intrapsychischer Ebene ihre Erfahrungen machen. Und das ist auch gut so.