Es war bei Gott keine Sternstunde. Aber das ist uns allen klar. War es demnach eher der erste Akt eines Dramas, das insgesamt aus nur drei Akten besteht, bevor man in die Heimat zurückgekehrt, Wunden leckt und den totalen Mannschaftsumbau verkündet? Verkünden muss, um genau zu sein. Mit oder ohne den Phlegmatiker Löw. Oder war der gestrige WM-Auftritt des Noch-Weltmeisters ein einmaliger Ausrutscher, der übergangen werden kann wie ein lästiger Betriebsunfall, weil er ein sofortiges Umdenken nach sich zieht?

Dilemma Ideenlosigkeit

Der phlegmatische Stratege sieht natürlich keinen Grund vom WM-Konzept abzurücken.

Ruhig und gelassen prognostiziert er den Aufstieg in die K.O.-Runde. Der Slogan "wir schaffen das" hat mit merkelsch´ er Beharrlichkeit endlich auch die Sphären der Fußballweltmeisterschaft erreicht.

Joachim erinnert uns dabei an seine vor wenigen Wochen getroffene Vorhersage, "sein Team wird zum WM-Auftakt [VIDEO]wieder anders spielen", als die Saudis und die rot-weiß-roten Nachbarn bereits aufzeigten, dass guter Fußball auch schnelles Umdenken bedingt - auf dem Rasen wie an der Seitenlinie. Das momentane Festhalten am ausgeklügelten WM-Konzept schaut derzeit eher nach Starrsinn aus, weniger nach einem langfristigem Kalkül, das irgendwann doch Erfolg beschert.

Zudem: Die Etikette "Turniermannschaft" muß erst noch auf die Trikots gestickt werden. Vergessen wir das nicht! Dass der Teamchef der deutschen Elf keinen frischen, belebenden Geist einhauchen kann, ist auch seiner Mentalität zuzuschreiben. Sie ist ähnlich zurückhaltend wie der gestrige WM-Auftritt der Nationalmannschaft: Letztendlich behäbig und ideenlos, unstrukturiert deshalb fehleranfällig.

Das deutsche Team ist keine Mannschaft. Am Platz herrscht Kommunikationsstillstand. Spiel- und Stellungsfehler werden durch Mitspieler keineswegs kompensiert, sondern mit vorwurfsvollen Gesten artikuliert. Dann, wenn sich die Defensive auf bestenfalls zwei Mann reduziert, weil sich der Rest im Angriffspiel verzettelt hat. Irgendwann müssen sich die Spielmacher als Ausputzer versuchen, um zu verhindern, was letztendlich nicht mehr zu verhindern war: Der Spielverderber heißt Hirving Lozano.

Die Deutschen eröffneten unendliche Weiten, die einladend waren für schnelle, quirlige Muchachos in ungebremster Sprintlaune. Einziger Hemmschuh der mexikanischen Konter war die eigene Unfähigkeit, das perfekte Umschaltspiel erfolgreich abzuschließen. In letzter Konsequenz, in unmittelbarer Strafraumnähe, schienen sie überfordert: Aus dem letzten wichtigen und erfolgversprechenden Pass wurde zumeist ein Fehlpass, der sichere Torschuss endete im 1. Rang oder wurde schon im Ansatz stümperhaft verstolpert.

Nur diese Mankos haben die endgültige Entscheidung in die zweite Halbzeit vertagt, als unter den deutschen Hardcore-Fans noch die vage Hoffnung auf die Wende vorherrschte.

Realität Rasen

Kühnste Optimisten erwarteten für die zweiten 45 Minuten ein deutsches Furioso mit glücklichem Ausgang. Doch schnell wurden sie auf den Rasen der Realität zurückgeholt. Dort herrschte nämlich immer noch Ideenlosigkeit, die schon bald einzementiert wurde. Am Ende stand die Ausweglosigkeit, die Frage, wie man die mexikanische Mauer überwinden kann. Wechselspieler sollten als Ideenlieferaten ein Loch im Torschutzwall erspähen, durchschlüpfen und unverhofft vor dem gegnerischen Tor auftauchen. So war es angedacht.

Aber geistige Trägheit ist ansteckend, sie verbreitet sich wie ein Virus viel schneller als befürchtet im Team Deutschland. Auch der Phlegmatiker am Spielfeldrand kann, wie schon erwähnt, aus verständlichen Gründen, weder frische Kreativität noch physische Spritzigkeit einimpfen. Somit war an der mexikanischen Mauer Endstation, wenn wir von den beiden Weitschüssen absehen, die die Widerstandfähigkeit des russischen Aluminiums unter Beweis stellten. Der schwierige Weg in die K.O.-Runde führt über die Schweden und über die Südkoreaner (Mauererfahrung). Im Vordergrund steht aber zweifellsfrei der Kampf gegen die eigene Ideenlosigkeit. Wenn er verloren geht, wird Löw seinen Rücktritt anbieten müssen. Das ist Ehrensache, egal wie lange sein Vertrag noch läuft.