Ende gut, Alles gut? In buchstäblich allerletzter Sekunde wurde die ganz große Blamage abgewendet. Der Druck war enorm, mit jedem Eigenfehler wurde er größer und noch größer. Jede stümperhaft oder unglücklich vergebene Riesenchance ließ die Angst vor dem tragischen Ende wachsen. Ratlosigkeit und Unvermögen paarten sich mit Pech und Unentschlossenheit. Das zeitweise statische Spiel mit wenig Variationen endete in vielen sehr ähnlichen Spielzügen, die einerseits die Verwundbarkeit der Schweden offenlegten, andererseits aber nicht zum erhofften Erfolg führten.

Die schwedische Führung war keine logische Konsequenz daraus, eher die Folge eines fatalen Eigenfehlers.

Die Erinnerung an das Mexiko-Match [VIDEO] lebte sofort wieder auf. Die notwendigerweise umgestellte Defensive war nicht viel besser als beim WM-Auftakt, sie wurde nur weniger gefordert: Boateng erinnerte uns an Ramos (bis er berechtigterweise vorzeitig in die Kabine geschickt wurde) und Rüdiger machte sein Nervenkostüm zu schaffen. Er war bei seinem WM-Debut den wenigen blau-gelben Kontern nicht gewachsen. Er eignete sich fast ausschließlich als Anspielstation für Manuel Neuer, so blieb der Spielaufbau über die Flanken, wie geplant, Aufgabe der Außenverteidiger.

Die Willkür der Video-Schiris

Vieles lief besser als gegen die quirligen Mexikaner, trotzdem war der Titelverteidiger nicht weltmeisterhaft. Das Selbstverständnis fehlt immer noch, weil das Selbstvertrauen immer noch angeschlagen ist.

Die deutsche Ballsicherheit bleibt verbesserungsfähig und die Chancenauswertung war nicht nur glücklos. Das große Bemühen wirkte verständlicherweise verkrampft, die fulminante Anfangsphase war wie ein Strohfeuer, das schnell verlosch. Dass die Aufgabe noch lösbar blieb, ist den Video-Schiris zu verdanken: Das glasklare Elfmeterfoul an Berg wurde überhaupt nicht unter die Lupe genommen. Man verzichtete auf die Video-Nachbetrachtung. Warum wird Videoanalyse ad absurdum geführt? Soll sie wieder abgeschafft werden, weil sie nur willkürlich eingesetzt wird?

Zur Halbzeit schien es sicher, dass die deutsche Elf bereits nächsten Donnerstag zum Boarding aufgerufen wird. Unterdrückte Panik und schnell wachsende Sorgen waren auf der deutschen Trainerbank unübersehbar. Löws Gesichtsausdruck ließ seine angeborene Gelassenheit vermissen. Geduld und Ruhe wurden bei seiner Kabinenpredigt zur obersten Prämisse erhoben. Der Glaube an das Machbare und der Wille dieses Spiel noch drehen zu können kämpften gemeinsam gegen die schnell wachsenden Zweifel.

Sie waren spürbar zur Halbzeit und keineswegs unbegründet. Nun sollte der WM-Torschützenkönig Gomez die Wende einläuten. Irgendwie, per Kopf oder mit seinem Gespür zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein Bein auszufahren und abzustauben. Viel mehr routinierte Wendespieler hatte Löw nicht mehr auf der Bank.

Der eiserne Siegeswille

Deutschlands Fußballehre stand auf dem Spiel. In solchen heiklen Momenten entfaltet sich zumeist der deutsche Siegeswille - er ist weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt. Wie auch das deutsche Glück, das sich das Nationalteam geradezu erkämpft bzw. erzwingt. Dagegen kommt keine Pechsträhne an. Der wuchtige Stangenschuss ist schnell vergessen, muss schnell vergesen werden, um den unermüdlichen Sturmlauf fortsetzen zu können. Der Sieg ist das Ziel und nicht deutsches Jammern auf hohem Niveau über das Spielglück, dem man erfolglos nachgesprintet ist. Und nur so war es möglich einen Freistoss zugesprochen zu bekommen, kurz vor dem Ende der Nachspielzeit.

Zu diesem Zeitpunkt war in vielen Redaktionen die morgige Schlagzeile bereits vorformuliert: "Der Weltmeister ist gescheitert - nur 1:1" oder "Wir fliegen nach Hause" bzw. "Ade Joachim, ade Russland". Doch dann kam er, überlegte sich die Freistossvarianten, trat an und verhalf mit einem gezielten Kunstschuss der deutschen Nation doch noch zum Sieg. Ein Schrei der Erleichterung ging durch das ganze Land - von Kiel bis zur Zugspitze. Der Schlusspfiff war kaum noch zu hören.

Deutschland euphorisch. Deutschland siegreich. Deutschland bleibt im Turnier. Grenzenloser (übertriebener?) Jubel unmittelbar neben der schwedischen Trainerbank. Das wird dem Team, das wieder als Mannschaft gesiegt hat, schnell als Respektlosigkeit und Provokation ausgelegt. Eine Entschuldigung war angebracht.

Allerdings: Siegesfreuden werden von tief enttäuschten Verlierern, denen Herr Kroos wenige Sekunden vor Spielende den Todesstoss versetzt, sehr schnell als Provokation empfunden. Auch das ist verständlich.