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Jeder kennt es, dieses unangenehme Gefühl beim Erfahren beziehungsweise Miterleben von absonderlichem Benehmen umgebender Personen, wobei die fremdschämende Person dieses Verhalten als abnormal identifiziert, obwohl es in der Allgemeinheit eventuell nicht als abwegig kategorisiert wird.

Erzeugt wird das Gefühl beim Umgang mit anderen Menschen.

Aber was genau bedeutet es, sich für Menschen fremd zu schämen?

Es lässt sich grob durch folgendes Zitat erklären: „Sich-Selbst-Für-Besser-Halten in Bezug auf das Verhalten einer anderen Person“.

Fremdscham kann in diversen Situationen auftreten, besonders Jugendliche in der Pubertät haben mit der Fremdscham gegenüber ihren Eltern zu kämpfen.

Sie schämen sich beispielsweise mit ihnen gesehen zu werden oder ist ihnen im Alltag ein spezielles Verhalten eines Elternteils sehr unangenehm, wenn sie gleichaltrigen Besuch empfangen.

Es ist bei der Fremdscham essentiell zu wissen, dass sie sich erst im Lauf des Lebens entwickelt, sie gehört demnach also „nicht zu den Basisemotionen wie Wut oder Trauer.“, „Fremdscham gehört zu sozialen Emotionen wie auch Schuld, Stolz und die Eifersucht.“ .

Die soziale Emotion Fremdscham kann allerdings auch absichtlich ausgelöst werden, möglicherweise um Änderungen, Bewegungen, Optimierungen zu erzielen oder um von einer Position zu überzeugen.

Meine persönliche Vermutung ist, dass Politiker diese Taktik anwenden. Ein passender Beleg dafür ist ein Zitat aus dem Tagesspiegel: „Sie zeigen dem Publikum: Es ist okay, wenn Ihr Euch vor Fremdscham das Sofakissen ins Gesicht drückt – das soll sogar so!“ ( 30.01.2011).

Ich schließe daraus, dass die absichtliche Erzeugung des Fremdschämens eine Selbsterkenntnis erzielen kann.

Diese Selbsterkenntnis [VIDEO] kann eine Veränderung hervorrufen, beispielsweise in der Art der Handlungsweise beziehungsweise in der Vorgehensweise oder der allgemeinen Sicht und Norm einer Person.

Besonders essentiell ist dieser Aspekt bei Unternehmen, die diese Art umgekehrter Psychologie für ihr Marketing umsetzen.

Die Taktik könnte auch in der Wirtschaftspsychologie ein Thema sein, das uns noch in ferner Zukunft auf kommerzieller Basis beschäftigen wird.

Ich habe Fremdscham empfunden, als es den Skandal über die Massentierhaltung gab.

Es war überall in den Medien zu sehen, bereits seit 2010 ist die Massentierhaltung eine Problematik, die noch heute und vermutlich noch länger ein schwieriges Gebiet sein wird. Ich verspüre die Scham oft, wenn ich ein Stück Fleisch im Laden sehe und sofort stellt sich mir die Frage: Warum ist uns Menschen das Geld wichtiger, als die Lebensbedingungen eines Wesens?

Und es ist nicht nur das, wobei sich mir die Haare sträuben, auch der Wahlkampf 2017 zwischen Angela Merkel und Martin Schulz schien mir wie ein Zirkus gewesen zu sein.

Argumente, wie sie naiver und teilweise perverser nicht sein konnten und das nur, um an die Macht zu gelangen? In den Nachrichten hört man oft von Migranten, die Frauen und manchmal sogar Mädchen meines Alters (17) vergewaltigen und nötigen.

Auch solche Neuigkeiten lassen mich an der Menschheit zweifeln.

Und ich bin wirklich Teil einer solchen Gesellschaft?

Genau so wenig kann ich die Intention der AfD-Wähler nachvollziehen. Man sagt, es seien Protestwähler, doch warum muss es so weit kommen? Wie kann es sein, dass Menschen rechtsextreme und derart konservative Linien unterstützen können und das mit reinem Gewissen?

Wieso ist es überhaupt zulässig, dass jemand wie Beatrix von Storch so weit oben ist?

Doch nicht nur in der Politik gibt es Fremdscham.

Ich persönlich habe meine Erfahrungen mit dem Fremdschämen neben den Nachrichten auch im freien Fernsehen, beim Ansehen der Talentshow „DSDS“, im Bus, mit meinen Eltern zusammen und ausgeprägt in der Schule gemacht.

In der Schule ist es vorgekommen, dass jemand etwas Falsches gesagt hat und es hätte, zumindest für mein Empfinden, wirklich jeder diese Frage beantworten können müssen. Dieses Phänomen der Fremdscham beobachte ich sehr oft und nicht ausschließlich mir geht es so.

Ein anderes, wirklich sehr banales Ereignis aus meiner Schulzeit ist folgendes: In einer Unterrichtsstunde oder in einer Pause spielen meine Mitschülerinnen plötzlich Fangen oder beschmeißen sich mit diversen Stiften oder Papierkügelchen.

Ich muss hierbei sehr betonen, dass es sich um die Stufe 10 einer Mädchenschule handelt.

Ein hervorstechender Mangel an Intelligenz lässt sich auch in Shows wie „DSDS“ oder dem „Dschungelcamp“ beobachten

Die mitwirkenden Teilnehmer blamieren sich öffentlich, teilweise oder ganz und gar, nur um Schlagzeilen zu machen. Oft stellt sich mir die Frage, aus welchem Grund Menschen in der Lage sind, beziehungsweise es für nötig und erfreulich halten die Würde der Menschen an sich derart abzusenken.

Warum hat eine Sendung, wie die oben aufgeführten, so hohe Einschaltquoten? Vermutlich ist die Schadenfreude der Zuschauer daran schuld. Meine Persönlichkeit kann das nur als niveaulos abstempeln, dass diese gewollte Erniedrigung für ein positives Entertainment sorgt.

Dass es zugelassen ist, scheint mir ebenfalls unwürdig.

Viele der Teilnehmer solcher Shows gefährden ihre weitere Zukunft, indem sie andere von sich abschrecken und somit Fremdscham erzeugen.

Es begegnet mir selbst im Bus, auf dem Weg zur Schule, zu Hobbys, zu Freunden oder einfach nur in die nächst größere Stadt, dass mich die Fremdscham plötzlich einholt.

Manchmal gibt es Frauen zu sehen, daran scheint zunächst nichts verkehrt, allerdings sind diese vollbusig und dann tragen sie keinen BH. Ich würde so etwas niemandem zumuten wollen und möchte bei diesem Anblick bloß schnell im Boden versinken.

Dann bemerke ich des Öfteren Kinder, etwa zwischen zehn und zwölf Jahren, die schreien im Bus vollkommen ohne Sinn und Zweck und verärgern somit andere Passanten inklusive mir. In solchen Momenten sage ich mir immer, ich sei nicht so gewesen und dieses Verhalten läge an Erziehungsmangel.

Oft riechen Mitfahrer nach Alkohol oder ältere Omas verlangen dreist nach einem Sitzplatz, als sei es selbstverständlich. Verkehrte Welt.

Nicht lange her, da fuhr ich zur Schule und da baten mich tatsächlich zwei erwachsene Frauen mittleren Alters aufzustehen, damit sie zusammensitzen konnten, wie kleine Schulmädchen oder?

Es ist mir auch einmal vorgekommen, dass pubertierende Schüler mir den Weg aus dem Bus hinaus versperrten, selbst nachdem ich höflich gefragt hatte, ob sie mir Platz machen würden.

An der Erziehungsmaßnahme der Jugend heute fange ich an zu zweifeln, obwohl ich selbst noch zu den Jugendlichen gehöre, mich aber auch in der Pubertät nie abwegig oder respektlos benommen habe.

Erfahrungen wie diese, lassen nichts anderes übrig, als sich dafür zu schämen, was in den Köpfen derer vorgeht.

Wie schlimm wird es in den kommenden Generationen noch werden?

Nicht nur im Alter der Pubertät, sondern auch heute schäme ich mich für meine Eltern. Mein Vater (50) zum Beispiel hört Volksmusik, wenn ich Besuch empfange, manchmal aus Provokation, weil er weiß, dass es mir nicht passt.

Andere Väter desselben Alters hören dementsprechend angemessene Musik, daher ist es für mich äußerst unangenehm.

Würde mir egal sein, was Außenstehende über mich und meine Familie denken, hätte ich an dieser Stelle keine Fremdscham gefühlt.

Besondere Tage, zum Beispiel Silvester oder Karneval lösen in meiner Familie Handlungsweisen und Facetten aus, die mir vorher eventuell nie vor Augen gekommen sind.

Es herrscht eine absolute Fröhlichkeit aus dem Nichts, die sich mir nicht erklären lässt, abgesehen von alkoholischen Einflüssen.

Ansonsten wird im gängigen Alltag der pure Ernst an den Tag gelegt.

Ich weiß natürlich nicht, wie es in anderen Familien zugeht, doch was ich erlebt habe ist bei weitem nicht so fremdscham-erzeugend, wie es bei meiner Familie manchmal ist.

Wäre es woanders auch so oder ähnlich, würde es für mich keinen Grund geben Fremdscham zu empfinden.

Zu guter Letzt: Mein Freundeskreis

Nicht oft aber oft genug, benimmt sich mein Freundeskreis sehr speziell. Manche kennen es, eine Freundin übertreibt beim Feiern mit dem Alkohol und kann nicht mehr auf sich selbst aufpassen.

Dann fühle ich mich verantwortlich für sie und kümmere mich.

Dennoch ist es für mich als nüchterne, klardenkende Person äußerst unangenehm gewesen anderen Menschen gegenüber zu treten, mit einer betrunkenen Person an meiner Seite.

Wieder habe ich mich für jemanden fremd geschämt.

Und ein weiteres Mal, als ich in der Schule einer Freundin jemanden vorgestellt habe. Man muss sich dabei vor Augen führen, dass die beiden Mädchen unterschiedlicher nicht sein konnten.

Die eine legte mehr Wert auf ihr Äußerliches, als die andere aber genau so viel wie ich. Das heißt die andere sah etwas ungepflegter aus, sie war aber vom Charakter her eine tolle Person.

Da ich nun aber keine oberflächliche Person bin, konnte ich trotzdem mit ihr befreundet sein. Dennoch hatte ich die Angst, dass die fehlende Selbstliebe dieser Freundin negativ auf mich wirken würde. Eventuell dachte sich meine Freundin, der ich sie vorstellte etwas wie: „Wie kann sie nur mit ihr befreundet sein?“, doch so etwas sollte unwichtig sein und so würde sich die Fremdscham in der Form vermeiden lassen.

Nachdem ich nun aufgeführt habe was die Fremdscham an sich bedeutet und was für ein Gefühl es ist, mit welchen Eigenschaften die Fremdscham zusammenhängt und welche Erfahrungen ich gemacht habe kann ich sagen, dass die Fremdscham unberechenbar ist und mächtig zugleich.

Sie hat sehr viel Einfluss auf das, was wir denken und künftig denken werden, mit wem wir uns abgeben und wie wir unsere Zukunft gestalten.

Das Fremdschämen kann nicht positiv aber auch nicht negativ genannt werden, aber moralisch ist es meiner Meinung nach nicht.