Zwei Wochen, zwei Monate oder vielleicht doch bis zum sehnsüchtigst erwarteten Ende der Trump-Präsidentschaft - wie lange wird der neue Handelsfriede zwischen den USA und der Europäischen Union halten? War das Gipfeltreffen zwischen EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und US-Präsident Trump wirklich eine vorsichtige Annäherung, die nun eine Kehrtwende in Richtung eines freien oder freieren Handels einleitet?

Allzu große Euphorie kann schnell zu noch größerer Enttäuschung führen, vorsichtiger Optimismus ist mit Sicherheit angebrachter, solange der amerikanische Wendehals im Weißen Haus wild mit seinem Handelszepter herumfuchtelt, das sich bereits als Bumerang erwiesen hat: Schließlich löst das jüngste12 Millarden Dollar Hilfspaket die Probleme der amerikanischen Bauern nicht, die amerikanische Autoindustrie beklagt sich berechtigterweise über die steigenden Rohstoffpreise, ausgelöst durch die Strafzölle, und befürchtet heuer Gewinneinbrüche.

Trumps Flucht nach vorne

Trump steht unter Druck. Seine Wirtschaftsberater sind heillos zerstritten. Selbst unter den Republikanern formiert sich starker Widerstand. Sie haben Gesetzesentwürfe angekündigt, die Trumps Autorität in Handelsfragen massiv einschränken sollen. Notgedrungen tritt der US-Präsident die Flucht nach vorne an. Auch in Hinblick auf die sogenanten "midterm elections" im kommenden November vereint er sich nun mit seinem proklamierten Feind, mit der Europäischen Union und ihren Spitzenvertretern, er verdrängt alles, was er in den letzten Monaten je über Europa getwittert hat und läßt kritsiche Journalisten, die ihn an seine Widersprüche erinnern könnten, erst gar nicht zur Pressekonferenz in den Rosengarten des Weiße Hauses.

Er, der vor wenigen Monaten, nach einem Blick auf die amerikanische Handelsbilanz [VIDEO], sofort einen Zwei-Fronten-Handelskrieg eröffnen mußte.

Gegen China und die Europäische Union. Er, der versuchte beide Wirtschaftsgiganten mit Strafzöllen in die Knie zu zwingen, ohne sich die Bedenken seiner skeptischen Wirtschaftsberater zu Ende anzuhören. Er, der nun aber auch einsehen muß, dass chinesische Vergeltungszölle auf amerikanische Sojabohnen zu einem massiven Preisanstieg führten.

Die logische Konsequenz: China kauft nun Sojabohnen vorallem in Brasilien ein. Dadurch können die Brasilianer aber Europa nicht mehr ausreichend mit ihren Sojabohnen beliefern. Wer springt ein? Die USA. An der amerikanischen Handelsbilanz hat diese Rochade nichts geändert.

Sie war aber Ausgangspunkt für die erzielten Gipfelergebnisse zwischen den Vereingten Staaten und der Europäischen Union: Ihr kauft mehr amerikanische Sojabohnen, dafür gibt es keine Strafzölle auf EU-Autos. Die jüngsten Strafzölle auf Aluminium bzw. Stahl [VIDEO]und die Vergeltungszölle der Europäer (auf Harley Davidson und Jeans, Whisky und Erdnußbutter) sollen durch weitere Gespräche bereinigt werden.

Zudem wird mehr und mehr Flüssiggas, wie schon lange geplant, nach Europa geschifft werden. Dafür muß es aber mehr als nur eine taugliche Hafenanlage an der amerikanischen Ostküste geben, wo Gas verflüssigt und anschließend in Tanker abgefüllt werden kann. Gemeinsam sollen Industriezölle auf Null herabgesetzt werden, Subventionen und Importbeschränkungen möchten die beiden Wirtschaftsmächte künftig komplett abbauen.

Trump, der Wendehals

Alle Vorhaben lassen sich unter der Überschrift "TTIP light" (Transantlantic Trade and Investment Partnership) zusammenfassen, obwohl Trump in seinem Wahlkampf (vor allem lautstark) alle Freihandelsabkommen kritisierte. Doch was Trump vor so langer Zeit gesagt, gemeint oder getwittert hat, das will er heute nicht mehr wissen, daran darf ihn keiner mehr erinnern. Vielleicht hat er sich damals nur versprochen oder lediglich vertippt. Es könnte so gesehen nur eine Frage der Zeit sein, bis er wieder Unüberlegtes twittert, unzählige Beleidungen von sich gibt, aber den ganzen persönlich angerichteten Schaden in einem nächsten Vieraugengespräch wieder einzufangen versucht und im Anschluß von einem außergewöhnlich erfolgreichen Gipfeltreffen spricht.

Unter diesen Aspekten müssen alle Vereinbarungen mit dem amerikanischen Wendehals beurteilt werden: Vorläufig (!) kommt es demnach zu keiner weiteren Eskalation im europäisch-amerikanischen Handelskrieg.