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Ankara trifft erstaunlich bekannte Maßnahmen. Ein Grund zum Vertrauen?

Die ökonomische Strategie, mit der die Regierung in Ankara auf die türkische Wirtschaftskrise reagiert, sind alles bekannte Maßnahmen und keineswegs die unorthodoxen neuen Wege, von denen Präsident Recep Tayyip Erdogan sprach. Doch es sind Maßnahmen, die für Länder im Zustand der Türkei, mit viel Devisenreserven, selten von Vorteil sind.

Der Verlust von einem Viertel des Lira-Wertes könnte sich zum Segen für Tourismus und Export entwickeln, doch generell wird es sich zur Katastrophe der Türkei entwickeln, da die türkische Regierung sehr viele Auslandsschulden hat und den Verpflichtungen nachzukommen mit der schwachen Lira schwerer wird.

Und es tut sich hier die Vermutung auf, ob Erdogan seit Jahren eventuell eine Immobilienblase aufblähte, die nun platzen könnte.

Staatsverschuldung in Devisen

Die USA mögen zwar an Zahlen eine höhere Staatsverschuldung haben, aber sie geben ihre Anleihen in der nationalen Währung heraus. Egal wie der Dollar auch steht, die Verpflichtung der US-Regierung bleibt gleich.

Anders in der Türkei, wo ein beängstigender Teil in Fremdwährungen läuft, Euro und Dollar. Fällt die Lira, werden die Verpflichtungen der Regierung in Ankara, gegenüber ihren ausländischen Gläubigern größer. Im nächsten Jahr wird die Zahlung eines Kredites über 16 Milliarden Dollar fällig.

Im Jahre 2003 lag die Auslandsverschuldung der Türkei bei etwas mehr als 100 Milliarden Dollar. Seit dieser Zeit stieg sie stark an, mit einer kleinen Unterbrechung 2008-10, wo sie rückläufig war.

Gegenwärtig belaufen sich die Auslandsschulden beinahe auf 500 Milliarden Dollar.

Mögliches Szenario

Paul Krugman schilderte die möglichen Bedrohungen dieser Situation in der "The New York Times":

Es wird schwieriger werden für die türkische Wirtschaft Auslandsschulden zu begleichen und so werden die Investitionen zurückgehen oder noch schlimmer, eine Pleitewelle mit den Folgeerscheinungen wie Arbeitslosen. Jene, die noch Sparbestände haben sollten diese beizeiten aus der Türkei abziehen, denn die Regierung - insbesondere eine wie die von Erdogan - wird garantiert mit Beschlagnahmung von Sparguthaben beginnen. Werden die Sparguthaben im umfangreichen Maß abgezogen, wird es die Situation verschlimmern. Es ist davon auszugehen, dass die Regierung in Ankara sich dieser Gefahr bewusst ist und wird sehr wahrscheinlich die Ausfuhr von Geldbeständen in privater Hand verbieten, zuerst für Türken, dann auch Ausländer.

All dies sind Situationen, wie man sie in Schwellenländern sehr oft erlebt.

In den 1990er Jahren geschah es in Südostasien und in Osteuropa ab den 1980/90 er und um 2000 in Lateinamerika. Auch die Türken sollten da an 2000-01 denken, da hatten sie eine derartige Situation, die von selbigen Erdogan genutzt wurde, um unter populistischen Heilsversprechungen an die Macht zu kommen.

Wie kommt es zu dieser Situation?

Wie genau es zu diesen Kapitalabflüssen kommt, ist unklar. Ich neige dazu anzunehmen, dass es an einer Vielzahl von Faktoren liegt, die nach Schauplatz variieren können, aber zufällig zeitgleich eintreten auf einem instabilen Markt, auf dem dann von einer Regierung, wie der türkischen, mit absurden Marktinterventionen Anleger aufgescheucht werden und das kleinste politische Ereignis dann eine Massenpanik unter Anlegern auslöst.

Erdogan widerspricht mir da und sieht die Schuldigen in einer "Finanzlobby" an der Wall Street und in Israel, die Intrigen gegen ihn führen. Aber okay, was weiß ich schon. Da bliebe dann allerdings noch die Frage von Erdogan zu beantworten, warum so ein Wirtschaftswunderstaat, wie die Türkei, derart anfällig für die Intrigen ist. Ich sehe da zwei Möglichkeiten:

  1. Die "Finanzlobby" ist einfach klüger als Erdogan, weshalb Erdogan definitiv nicht die adäquate Person sein kann, um mit dem Problem fertig zu werden.
  2. Erdogan versteht nichts von Ökonomie, weshalb Erdogan definitiv nicht die adäquate Person sein kann, um mit dem Problem fertig zu werden.

Man kann es sehen, wie man will, man kann es drehen und wenden, wie man will. Unterm Strich kommt immer dasselbe bei raus: Erdogan hat keinen Sachverstand.

Wirtschaftsentwicklung der Türkei

Sehen wir uns die Wirtschaftsentwicklung der Türkei an, seit Erdogan an der Macht ist (Ministerpräsident 2003-2014), sehen wir ein Wirtschaftswunderland, das eigentlich den Status Schwellenland verließ. Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich in der Türkei unter Erdogan mehr als verdoppelt.

Dieser Trend setzte sich bis vor kurzen fort, was insbesondere jeden sozialistischen Ökonomen in der Annahme stärkt, das dahinter eine gezielte Konspiration zu suchen ist. Dies wäre zwar durchaus möglich, allerdings sehr viel aufwendiger als es in sozialistischen Legenden erklärt wird.

Manipulierung des Marktes?

Doch schauen wir uns die türkische Ökonomie etwas genauer an und versuchen festzustellen, ob es sich um eine Manipulierung des Marktes handelt oder die türkische Wirtschaft nicht so gut ist, wie es oberflächlich gesehen aussieht.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Türkei ist heute vergleichbar mit Ungarn, Griechenland oder Polen, gehört damit zur unteren Kategorie der 1. Welt Ökonomie. Immerhin bekam die Türkei noch in den 1990er Jahren Entwicklungshilfe von Deutschland.

Es ist nicht schwer, auf einer Türkeireise den Wirtschaftsboom Erdogans zu bemerken, überall wird gebaut, teure Apartments, Villen, hohe Bürokomplexe, das Geschäft sprudelt.

Doch haben türkische Ökonomen schon vor geraumer Zeit vermutet, dass das türkische Wirtschaftswunder gar keines ist, sondern dies mit dem Anhäufen von Auslandsverschuldungen durch Präsident Erdogan begründet.

Wenn das stimmt, dann gibt es ganz eindeutig zwei Gründe für die debile Situation der türkischen Ökonomie:

  1. Ja, es wurde durch Manipulation am Markt verursacht, allerdings von der eigenen Regierung der Türkei unter Erdogan und seiner Partei AKP.
  2. Ja, Erdogan versteht nichts von Ökonomie.

Bilanzen stimmen nicht

Defizite in der Leistungsbilanz (total der Ausgaben und Einnahmen, inklusive Importe und Exporte von Gütern und Dienstleistungen) tauchen in der türkischen Ökonomie erst auf, nachdem die AKP die Macht an sich riss.

Jedoch sind die Investitionen von ausländischen Investoren zurückgegangen. Also kann von dort her nicht das benötigte ausländische Kapital, in seiner Gesamtheit stammen. Die ausländischen Investitionen stiegen bis 2008 auf einen Höchststand von 23 Milliarden Dollar. Seit dem waren sie rückläufig, mit kleineren Hochs 2012 (16 Milliarden) und 2016 (18 Milliarden), danach fielen sie kontinuierlich steil ab und näherten sich 2018 den 10 Milliarden.

Dies erweckt den Eindruck, dass das türkische Wirtschaftswunder nicht von ausländischen Investoren hauptsächlich geschaffen wurde, sondern von einer Steigerung der Produktivität in der türkischen Wirtschaft. Allerdings, woher kommt dann das Leistungsbilanzdefizit?

AKP manipulierte die Bauindustrie

Das ist ganz einfach, Arbeitsbeschaffungsmaßnamen in der Bauindustrie. Ein durch den Staat, heißt in diesem Fall Erdogan und AKP, gigantisches korruptes Netzwerk für unnötige Prestigebauten, die auf dem Markt nicht gebraucht werden.

Erdogan präsentierte sich damit als der große Macher, der ruckzuck die Wirtschaftskrise 2001-2003 beendete. Klar brachte er viele in Arbeit, es gab Aufträge an die Bauindustrie, aber er und sein Klüngel füllten sich die Taschen. Das klappte auch sehr gut, bis sich einige Leute in der Türkei die Frage stellten, ob der Präsident eventuell die Demokratie beseitigen will.

Nachdem Putschversuch 2016 steigerte Erdogan diesen Baufilz, um seine Popularität zu steigern. Er ließ einen Kanal und einen riesigen Flughafen in Istanbul bauen. Als sich ein Zusammenbruch der Immobilienbranche ankündigte, senkte er die Steuern, die Konditionen zum Häuserkauf wurden immer günstiger. Selbst eine Amnestie für illegale Bauprojekte gab es. Die gesamte moderne Skyline von Istanbul stammt aus dieser AKP-Phase.

Zusammenbruch Immobilienmarktes droht

Das Problem ist, all dieser Bauboom wurde finanziert mit Geld, dass sich Erdogan im Ausland borgte und war eben nicht das Ergebnis eines türkischen Wirtschaftswunders. So könnte dieses Wirtschaftsprogramm zum Zusammenbruch des Immobilienmarktes führen.

Die Wirtschaftskrise ist schwer zu bewältigen, wenn die eigene Wirtschaft hoch verschuldet ist und einen Wasserkopf im Bauwesen hat. So ein Apartment muss schließlich erst einmal verkauft werden, was meist auf Ratenzahlung geschieht und wenn es der Wirtschaft nicht gut geht, werden immer mehr Käufer nicht zahlen können.