Wir neigen dazu, neue Technologien allzu schnell als echte Fortschritte zu betrachten, warnt der Verhaltenswissenschaftler und Psychologe Prof. Dr. Dr. Glenn Geher, PhD. Das macht Sinn, denn das ist eine Art prägendes Merkmal der Technologie. Das Rad erlaubte es unseren Vorfahren, große Gegenstände über große Entfernungen zu bewegen. Das kontrollierte Feuer erlaubte es unseren Vorfahren, Lebensmittel zuzubereiten, die relativ schnell verdaut werden konnten. Und Raketentechnologien erlaubten es uns schließlich, einen Mann auf den Mond zu bringen.

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Sicher, in vielerlei Hinsicht geht die Technologie Hand in Hand mit dem Fortschritt.

Technische Evolution oder Revolution?

Die evolutionäre Perspektive auf das Verständnis des menschlichen Zustands liefert eine wichtige Perspektive auf die Natur der Technologie.

Kurz gesagt, die evolutionäre Perspektive legt nahe, dass es nützlich ist, die Tatsache zu berücksichtigen, dass sich der menschliche Geist nicht unter modernen Bedingungen entwickelt hat, sondern unter angestammten Bedingungen, die den Löwenanteil der menschlichen Evolution ausmachten.

Eine wichtige Facette dieses Denkens betrifft die Tatsache, dass Landwirtschaft und "Zivilisation" relativ jung sind, da sie erst in den letzten zehntausend Jahren entwickelt wurden. Bis zu diesem Zeitpunkt lebten alle Menschen in kleinen nomadischen Gruppen. Sie aßen nur natürliche Lebensmittel. Sie haben sich zwangsläufig viel bewegt. Und ihr Leben war natürlich ohne iPhones und das Internet. Unsere moderne Physiologie wurde so angepasst, dass sie diesen präagrarischen Bedingungen entspricht.

Organische Veränderung braucht Zeit.

Wie bei jedem Organismus gilt: Wenn Menschen einschneidende Fälle von "evolutionärem Missverhältnis" erleben, stoßen wir häufig auf Probleme.

Aus dem gleichen Grund, aus dem eine Palme in einem Vorgarten im Hinterland von Buxtehude nicht gut gedeiht, geht es Menschen unter modernen Bedingungen oft auch nicht gut. Denn die Bedingungen stimmen nicht mit den Gegebenheiten überein, die den Organismus zur Entfaltung gebracht haben. Palmen entwickelten Anpassungen an ein relativ warmes Klima. Die Menschen entwickelten Anpassungen, um kleinen Gesellschaften gerecht zu werden, in denen Natur, natürliche Lebensmittel und Bewegung reichlich zum Alltag gehörten.

Den Firmen geht es um den Gewinn.

Aus der evolutionären Perspektive sollte daher jede neue Technologie im Hinblick auf diesen evolutionären Kontext im größeren Maßstab betrachtet werden. Es ist durchaus plausibel, dass einige Technologien nur kurzfristigen Nutzen für den Einzelnen bringen (weil sie uns ein gutes Gefühl geben) und unbeabsichtigt langfristige negative Folgen haben (z.B. langfristige soziale oder körperliche Probleme). Wir müssen uns vor solchen Situationen in Acht nehmen, denn die Unternehmen sind gewinnorientiert, und das geht einher mit der Schaffung von Produkten, die kurzfristig Gewinn bringen.

Frische Fische von 1953.

Aus evolutionärer Sicht ist ein "Kultivierungsreiz" eine übertriebene Form eines Reizes, auf den ein Organismus reagiert hat, weil eine solche Reaktion während der Evolutionsgeschichte dieses Organismus einen adaptiven Wert hatte. Ein berühmtes Beispiel stammt vom renommierten Verhaltensforscher Prof. Dr. Niko Tinbergen schon aus 1953, der die Tendenz von männlichen Fischen untersuchte, eine aggressive Reaktion auf die Rotfärbung anderer männlicher Fische zu zeigen. Das Ergebnis: Die Kultivierungsreize mit dem höheren Rotanteil führten zu konsistenteren und stärkeren Aggressionen.

Lernen wir unsere Lektion?

Die Lektion ist nach Prof. Dr. Geher, PhD. folgende: Evolvierte Verhaltensreaktionen können von der Technologie übernommen werden. Plötzlich sind wir somit die Fische und die Technologie ist der Stimulus. In einem alten News-Artikel in der Schwäbischen, der veröffentlicht wurde, als iPhone und Smartphones noch eine neue Erfindung waren, beschrieb vielleicht deshalb Prof. Dr. Dr. Ari Barsfeld bestimmte Bedenken hinsichtlich der Auswirkungen der Distanz auf die Entwicklung von Beziehungen. Er empfahl besondere Nähe, wie im Urlaub, um zu testen, ob eine Beziehung stimmig ist. Prof. Geher, PhD. antwortete leider auf unsere aktuelle E-Mail-Anfrage nur mit dem Hinweis auf seine Arbeiten und Prof. Dr. Dr. Ari ist inzwischen in Rente und offenbar für niemanden mehr zu sprechen. Sicher ist aber eines: Wir brauchen jetzt mehr denn je Forschung auf diesem Gebiet. Die psychologischen Folgen der schnellen Digitalisierung sind noch nicht ausreichend erforscht. Dies wird einem als Nutzer dieser Geräte jeden Tag selbst klar.